Es gibt einen Ausdruck, den Andrea Bezzola nicht ausstehen kann: "gute Seele". Unlängst sorgte sie dafür, dass die beiden Wörter aus dem Inserat für eine Assistenzstelle gestrichen wurden. "Dieses Bild ist nicht nur total veraltet, sondern wirkt auch abwertend." Bezzola, 35 Jahre alt, spricht ein schnelles Berndeutsch und teilt mit dem Bild einer herkömmlichen Vorzimmerdame einzig die Vorliebe für Seidenfoulards. "Ich will, dass dieser Beruf aufgewertet wird", sagt sie. Bezzola ist die Assistentin des Postfinance-CEOs Hansruedi Köng und verantwortlich für das Sekretariat des Verwaltungsrates. Sie führt ein Team von mehreren Assistentinnen und entscheidet teilweise mit, wenn neues Personal rekrutiert wird.

Die Sekretärin steht bis heute im Ruf, ein stenografierendes Wiesel zu sein, eine Filterkaffee-Barista und ein Statussymbol für den Chef. In der Krimiserie Der Kommissar, die in den Siebzigerjahren im deutschen Fernsehen lief, nannte Erik Ode seine Assistentin despektierlich "Rehbeinchen". Noch in den Achtzigerjahren stand in einem Handbuch für Sekretärinnen: "Geben Sie sich auch optisch so frisch und appetitlich wie der Obstsalat, den Sie servieren." Bis heute hält sich hartnäckig das Klischee von der Vorzimmerdame, deren größte Herausforderung darin besteht, sich beim Tippen keinen Fingernagel abzubrechen. Doch der Beruf hat sich im Zuge von Digitalisierung und Emanzipation stark gewandelt: von der unterwürfigen Miss Moneypenny, für die es ein Tagwerk war, für James Bond eine Geschäftsreise zu buchen, zur selbstbewussten Führungskraft.

Andrea Bezzola plant selten Reisen, und auch die Terminverwaltung delegiert sie. Ihr Job ist vielfältig, anspruchsvoll, und sie gestaltet ihn eigenständig: "Ich habe zum Beispiel den CEO und den Verwaltungsrat digitalisiert." Sie fand es ineffizient, dass die Herren und Damen mit Stapeln von Papier hantierten. Also evaluierte sie die passenden Softwareprogramme für Notizen und Ablagen und führte in der Chefetage von Postfinance das "papierlose Büro" ein.

Neben ihrem Vollzeitjob macht Bezzola ein Masterstudium

Das Büro des CEO liegt im zehnten Stock des gläsernen Hauptsitzes, das Sekretariat gleich davor. Die Aussicht geht auf die Berner Allmend, das Paul-Klee-Museum und die Alpen. An den Wänden hängen großformatige Kunstwerke, die Bezzola ausgesucht hat. Im Sitzungszimmer der Geschäftsleitung bleibt sie am ovalen Tisch stehen und stützt beide Hände aufs polierte Holz: "Hier sitze ich." Sie bereite Geschäfte vor, die Köng in den Verwaltungsrat einbringe, protokolliere die Sitzungen, gestalte die Präsentationen, mit denen er seine Gremien überzeugt.

Neben ihrem Vollzeitjob macht Bezzola einen Executive MBA, davor hat sie die klassische Laufbahn einer Direktionsassistentin absolviert: eine kaufmännische Lehre plus diverse Weiterbildungen. Mittlerweile ist sie Mitglied des Kaders, hat Budgetverantwortung und prüft wichtige Geschäfte. Welche Bedeutung hat sie für ihren Chef? Sie zieht ihr Smartphone aus der Blazertasche und ruft Köng an: "Wäre es möglich, dass du hurti zu mir kommst?"

Es vergehen keine zwei Minuten, da klopft es an der Tür. "Sie ist eine Managerin", sagt Hansruedi Köng über seine Assistentin und ergänzt: "Ich brauche eine Entscheidungsträgerin an meiner Seite, sonst könnte ich diesen Job nicht machen." Er müsse ihr kaum je Aufträge geben, weil sie immer schon antizipiere, was er brauche. "Eine ihrer größten Fähigkeiten ist das vernetzte Denken."

Köng bringt Bezzola viel Wertschätzung entgegen. Gleichwohl hat ihr Beruf auch eine undankbare Seite. Eigentlich, sagt Köng, werde sie vor allem dann wahrgenommen, wenn sie Fehler mache. "Wenn ich mit falschen Informationen in einem Meeting sitze oder merke, dass ich etwas verpasst habe." Das komme aber selten vor. Und wenn, dann ärgere sich Bezzola mehr darüber als der Chef.