Am 28. Juni 1965, zehn Tage nach seinem 36. Geburtstag, hielt Jürgen Habermas, schon damals längst kein Unbekannter mehr, seine Antrittsvorlesung an der Goethe-Universität Frankfurt. "Erkenntnis und Interesse" war die Vorlesung überschrieben, im Vorgriff auf das gleichnamige Buch, das pünktlich im symbolträchtigen Jahr 1968 erscheinen sollte. In jenem Vortrag findet sich ein damals wie heute bemerkenswerter Satz, gefolgt von einer nicht minder spektakulären Konsequenz: "Das, was uns aus der Natur heraushebt, ist der einzige Sachverhalt, den wir seiner Natur nach kennen können: die Sprache. Mit ihrer Struktur ist Mündigkeit für uns gesetzt."

In dieser Passage wird ein Grundimpuls des Denkens von Habermas sichtbar: die Überzeugung, dass in der Sprache als solcher ein emanzipatorisches Potenzial enthalten ist. Die überreichen Güter, mit denen das Schiff dieses Autors beladen ist, werden seit mittlerweile 60 Jahren weltweit gehandelt. Wer aber wissen will, was diesen Frachter antreibt, muss in den Maschinenraum hinabsteigen: dorthin, wo die Philosophie der Sprache am Werk ist.

Ihre reife Gestalt gewinnt Habermas’ Analyse der Struktur der Sprache mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns aus dem Jahr 1981. Durch eine kreative Aneignung der sprachphilosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts entwirft er eine pragmatische Theorie der Bedeutung, die die Einseitigkeiten ihrer Vorgänger zu korrigieren verspricht. Nicht das Wort, nicht der Satz, sondern die an andere adressierte Äußerung gilt Habermas als die grundlegende Einheit sprachlichen Sinns. Sich mit jemandem über etwas verständigen: Dieses Verhältnis zwischen Subjekten inmitten der Wirklichkeiten ihres Handelns bildet die Urszene des sprachlichen Lebens. Einen Sprechakt zu verstehen bedeutet, Bedingungen seiner möglichen Angemessenheit einschätzen zu können.

Habermas unterscheidet drei Hinsichten dieser Akzeptierbarkeit: deskriptive "Wahrheit", normative "Richtigkeit" und expressive "Wahrhaftigkeit" oder Authentizität. Diese drei "Geltungsansprüche" sind in kommunikativen Prozessen immer bereits im Spiel, auch wenn mal der eine, mal der andere im Vordergrund steht. Bedeutung und Geltung, Sprachfähigkeit und mehrdimensionale Rationalität gehören zusammen. Im Unterschied zu strategischen oder manipulativen Formen der Rede jedoch schöpft allein das "verständigungsorientierte" kommunikative Handeln die rationalen Quellen der Sprache uneingeschränkt aus. Im Austausch von Gründen und Gegengründen eröffnet es die Möglichkeit einer vorbehaltlosen Koordination und Kooperation mit anderen. Das meint der Satz: "Verständigung wohnt als Telos der menschlichen Sprache inne."

Ohne einen Begriff der inneren Dynamik der Sprache aber wäre das Bild vom Telos, vom Ziel unvollständig. Im Fahrwasser Wilhelm von Humboldts betont Habermas deshalb neben der "geltungsorientierten" die "welterschließende" Kraft der Sprache. Sprache bildet die Welt nicht einfach ab, sondern stellt fortwährend Zugänge zu ihr bereit, aus denen die Koordinaten soziokultureller Lebensformen hervorgehen. Sie erzeugt eine Vielfalt von Perspektiven auf jeweilige Lebenswirklichkeiten, von denen sprachfähige Individuen in ihrem Denken und Handeln immer bereits bestimmt werden. Für Habermas bedeutet dies jedoch nicht, wie für Heidegger, dass der Gebrauch der Sprache in einem Verhältnis der "Hörigkeit" gegenüber den anonymen Weisungen der Sprache stünde. Vielmehr ist es gerade das im Ganzen unüberschaubare und insofern "arationale" Geschehen Sprache, das ihren Verwendern den Spielraum einer kritischen Transformation ihrer Einstellungen und Überzeugungen freigibt. Nicht zuletzt der literarischen Rede und den anderen Künsten kommt hierbei eine unentbehrliche Rolle zu. Die Grenzen sprachlich erschlossener Lebensformen sind prinzipiell offene Grenzen. Darum müssen die von Versteinerung bedrohten Verständigungsverhältnisse ein ums andere Mal zum Tanzen gebracht werden.

Ein hemmungsloser Rationalismus sieht anders aus. Dennoch hat Habermas’ Analyse der kommunikativen Vergesellschaftung links wie rechts für Aufregung gesorgt. Die einen sahen einen ohnmächtigen Idealismus am Werk, die anderen eine Zerstörung der hergebrachten sittlichen Ordnung.

Habermas’ geflügeltes Wort vom "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" aber ist nicht die einzige Flagge, unter der das Schiff seiner Theorien unterwegs ist. Seine frühere Rede von einer "idealen Sprechsituation" fasst er mittlerweile nur noch mit der Feuerzange an. Auch seine "Konsenstheorie" der Wahrheit hat er zugunsten einer realistischen Deutung der Spannung "zwischen Wahrheit und Rechtfertigung" (in einem Buch gleichen Titels aus dem Jahr 1999) ad acta gelegt. Zwar zielt das verständigungsorientierte Handeln auf einen begründeten Konsens, dieser aber kann im Namen der Dimensionen der Wahrheit jederzeit wieder aufgekündigt werden. Konsens ohne die Möglichkeit des Dissenses wäre keiner; er wäre eine Form des sozialen Zwangs.