Die Hinweisschilder sind leuchtend gelb und beginnen gleich hinter der Kirche im Tal in Saalfelden, inmitten der österreichischen Alpen. "Weg der Stille" zur Einsiedelei am Palfen, immer bergauf, raus aus der Stadt, weg von den Menschen, noch eine Stunde Fußweg.

Vorbei an der Polizeiwache ist ein Schild, am Friedhof, an der orthodoxen Kirche ein weiteres, noch 40 Minuten. Immer steiler geht es hinauf, immer wieder gelbe Schilder im Wald. Wie kann einer ein Einsiedler sein, wenn sein Refugium so gut ausgeschildert und schon vom Bahnhof Saalfelden aus zu sehen ist? Wie allein ist man, wenn Gott und die Welt zu einem kommen, um sich Kummer von der Seele zu reden oder einfach einen Feierabendplausch zu halten?

"Ich weiß, dass ich auch eine Touristenattraktion bin", sagt Bruder Stan, ein ruhiger, grauer Mann. Ein Ort der Stille ist seine Einsiedelei am Palfen zumindest an Sommertagen nicht. Dabei ist Stille gewissermaßen sein Beruf. 60 Jahre alt, auf den Namen Stan Vanuytrecht getauft und von Belgien nach Österreich eingewandert, um nun im dritten Jahr das Amt des Einsiedlers von Saalfelden zu bekleiden. Auf 1006 Meter Höhe, ausreichend Abstand zur Welt.

Bruder Stan ist wohl der erste Einsiedler, der über eine Online-Ausschreibung zu seiner Berufung fand. Das war 2017.

Wir suchen einen in sich ruhenden Menschen, der bereit ist zum Gespräch. Er soll sich nicht aufdrängen. Aber er soll da sein für die Pilger. Das Leben auf der Einsiedelei ist karg und einfach. Wer ohne Fernsehen, Computer und Zentralheizung nicht auskommt, für den ist die Klause am Fuße des Steinernen Meeres nicht die richtige Behausung.

All das stand im Gesuch von Alois Moser, Pfarrer von Saalfelden. Natürlich auch, dass man dem christlichen Glauben verbunden sein soll. Vor allem die Gesprächsbereitschaft war der Gemeinde wichtig; der Vorgänger von Bruder Stan, heißt es, sei nicht so zugänglich gewesen. Er hat das mit der Einsiedelei vielleicht zu traditionell verstanden.

Anfang 2017 war Stan Vanuytrecht gerade in Pension gegangen und ziemlich spät dran mit seiner Bewerbung. Um die 70 Bewerbungen waren aus der ganzen Welt schon im Pfarrhaus eingegangen. Die Deutsche Presse-Agentur hatte die Jobausschreibung in ihr Kuriositätenkabinett aufgenommen und sogar die New York Times berichtete. Es folgten Bewerbungen aus Argentinien, Kanada und ganz Europa, sagt Pfarrer Moser. Auch von Frauen habe man welche bekommen, doch das gehe nicht, wegen der "Drradition". Als Bruder Stan die Ausschreibung las, dachte er: "Das ist mein Platz, dort will ich sein." Jedenfalls erzählt er es heute so. Er kann sich bis heute nicht ganz erklären, warum er sich so sicher war.

Stan Vanuytrecht suchte den Abstand zur tosenden Welt – im Glauben und in den Bergen.

Früher in Belgien, erzählt er, habe er tagsüber als Landvermesser gearbeitet und nachts als Rettungssanitäter. Seine Ehe, aus der zwei inzwischen erwachsene Kinder hervorgegangen sind, war zerbrochen. Es ist ein trauriges Kapitel seines Lebens, es soll darüber nicht viel mehr in der Zeitung stehen. Das Ende dieses ersten Lebens von Stan Vanuytrecht kostete ihn alles: sein inneres Gleichgewicht, seine Gesundheit, sein Vermögen. Sieben Jahre lang arbeitete er pausenlos, um seine Scheidung finanziell zu überleben. In einer Nacht, erzählt er, hätte er als Sanitäter ein Häufchen Mensch auf der Straße in Brüssel aufgesammelt. Ein Junkie, der eine Überdosis intus hatte, kaum mehr ansprechbar. Auf dem Weg ins Krankenhaus bat der Mann, Vanuytrecht möge seine Hand halten. Der griff sie, ohne einen Moment zu überlegen. Danach erschrak er, er hatte keine Handschuhe getragen, seine gütige Geste war fahrlässig gewesen. Keine Sekunde hatte er darüber nachgedacht.

Heute sagt Bruder Stan, er habe das aus Liebe getan. Eine Liebe, so unendlich stark, er wisse nicht, woher sie komme. Doch er habe das Gefühl, sie fließe geradewegs durch ihn hindurch.