Ein Paar betritt die Bühne. Er: dunkler Blick, schwarze Haare, die Zeitung unterm Arm, Zigarre lose in der Hand. Sie: wilde Locken, alles hell, was an ihm dunkel ist, die Zigarette hält sie mit einer nachlässigen Geste, die man so nur in Filmen sieht – oder in Frankreich. Die beiden setzen sich auf die Treppenstufen ihres Hauses in die Sonne. Er schlägt die Zeitung auf, sie stützt die Arme auf die Knie und schaut auf den Sonntagvormittag in der Rue Crémieux, Paris.

Da ist das Schauspiel längst im Gange. Die Rue Crémieux mit ihren kleinen rosa, blau und gelb gestrichenen Häusern, gerahmt von Palmen und Rosenbüschen, wirkt wie ein Stück Dorf in der Stadt – eigentlich. Doch nun ist das Sträßchen voller Fremder, die sich vor ihren Smartphones verrenken. Einige haben Stative aufgestellt, andere balancieren ihren Selfie-Stick vor graublauem Himmel. Sie posieren in Hauseingängen, setzen sich auf die Treppen vor den Eingangstüren oder tun so, als öffneten sie eine. Rund 40 Leute verteilen sich an diesem Sonntagmorgen auf 150 Meter Pflasterstein. Im Laufe eines sonnigen Wochenendes kommen mehr als 3000. Manche bleiben ein paar Stunden, andere sind nach ein paar Aufnahmen wieder weg.

Vor etwa drei Jahren begann der Hype um die Straße auf Instagram. Mittlerweile gibt es dort mehr als 34.000 Beiträge aus dem "Pastellparadies", wie die Rue Crémieux im Internet genannt wird – sie zeigen Urlauber, Hochzeitspaare, Models. An einer spinatgrünen Tür hängt ein Schild, das den "lieben Instagrammern" mitteilt: "Wir wollen kein Teil eurer übercoolen Story werden ... Jetzt verschwindet." Dabei ist die Rue Crémieux eigentlich ein Ort, an dem man nett grüßt, selbst wenn man einander nicht kennt. Aber die Anwohner spüren die Folgen der Bilderflut so nah, wie einem in einer Straße, in der man sich in die Schlafzimmer gucken kann, eben alles ist.

Die zweistöckigen Häuser waren einst Unterkünfte für die Arbeiter, die den benachbarten Gare de Lyon anlässlich der Weltausstellung Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten. Damals waren die Häuserfassaden weiß. 1992 wurde die Rue Crémieux auf Bitten der Anwohner zur Fußgängerzone erklärt; im Gegenzug bat die Stadt die Bewohner, die Straße aufzuhübschen. Die strichen die Fassaden bunt und stellten Pflanzen vor ihre Türen. So wurde die Straße schön.

Aufmerksamkeit erregt das aber erst, seit Instagram Menschen zum Reisen animiert. Insta-Travel heißt das Phänomen, das weltweit zu Massenaufläufen führt. Treffen kann es fast jeden fotogenen Ort, ein Mohnblumenfeld in Kalifornien genauso wie die Trolltunga, einen Felsvorsprung in Norwegen. Naturschutzgebiete leiden unter dem Ansturm, kleine Gemeinden ächzen. Nun auch eine Pariser Straße.

"Hier ein Foto zu machen ist doch nicht mehr originell", seufzt Anne, die Frau, die auf den Stufen so schön raucht und ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. Anne wohnt mit ihrer Familie seit zwölf Jahren in der Rue Crémieux, die früher mal so friedlich war. Deshalb zogen sie überhaupt hierher, ins 12. Arrondissement, wo "sonst nicht viel ist", wie die Bewohner sagen. Es ist luftiger, aber auch weniger schön: Hier gibt es Bürobauten aus den Sechzigern, die wie ausgediente Kreuzfahrtschiffe zwischen Haussmann-Fassaden aus dem 19. Jahrhundert liegen, dafür jedoch kaum etwas von der französischen Verspieltheit, die Touristen sonst in Paris suchen – mit Ausnahme der Rue Crémieux.

Zumindest Videodrehs und kommerzielle Foto-Shootings sind in der Straße inzwischen verboten. Zwei Freundinnen, die eigentlich was mit Business studieren, halten trotzdem kleine bunte Stofflappen an eine hellblaue Wand, es ist ein Werbe-Shooting für ihre erste Geschäftsidee, Bio-Abschminktücher. "Die Häuser passen so gut zum Produkt", sagt die 22-jährige Margot. In der Mitte der Straße steht eine Siebenjährige und zwirbelt ihre hüftlangen Dreads für den Fotografen einer Londoner Agentur, weiter hinten schreitet ein Model im Brautkleid mit einem Luftballon in der Hand die Straße ab. Den Ärger der Anwohner können die meisten Besucher zwar nachvollziehen. Sie fühlen sich aber nicht verantwortlich. "Wir sind ja nur für ein paar Fotos hier", lautet ihr Kommentar.

"Sie besetzen die Straße", sagt Anne knapp. Und mehr als das: Die zweistöckigen Häuser haben weder Gärten noch Balkons. Die Straße selbst ist daher der begrünte Innenhof, den die Bewohner miteinander teilen. Diesen Mittag tragen sie, wie oft, ihre Tische zum Essen raus, es riecht nach Süßkartoffeln und Knoblauch in Öl. Vier junge Männer sitzen vor ihrem Haus, sie sind gerade fertig mit dem Essen. "Man muss die Straße teilen", sagt der 25-jährige Pierre, der an einem Pariser Gymnasium Geschichte unterrichtet. 600 Euro zahlt jeder der vier für sein Zimmer – zu günstig, um sich über Instagrammer aufzuregen. Lieber machen sie sich einfach lustig über die Unbekannten, die alleine in ihr iPhone singen oder schlechte Choreografien tanzen.