Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

"Wir haben deine Frau, wenn du nicht herkommst, siehst du sie nie wieder!" Sie kennen das aus Mafia-Filmen. In der Türkei haben Oppositionelle seit einer Weile mit dieser Drohung von Regierungsseite zu kämpfen. Etliche Zehntausend Akademiker, Verwaltungsangestellte, Journalisten werden ohne Prozess mit Passentzug bestraft, Familien ins Ausland Gegangener werden als Geiseln festgehalten.

Die deutsche Journalistin und Übersetzerin Meşale Tolu war 2017 verhaftet worden, weil sie in der Türkei auf Demonstrationen gegangen war; wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung soll sie 15 Jahre in Haft. Da auch ihr Mann inhaftiert war, ging sie mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn ins Gefängnis. Erst nach mehr als sieben Monaten kam sie frei, durfte aber nicht ausreisen. Tolu schwieg nicht, sie kämpfte auf dem Rechtsweg weiter. Letzten Sommer erhielt sie endlich ihren Pass und kehrte mit Kind nach Deutschland zurück, für ihren Mann galt das Verbot aber weiter. Nach Verhandlungen erhielt auch er Ende Oktober seinen Pass. Sie hätten nicht wieder einreisen müssen, doch trotz des Risikos erneuter Festnahme setzten sie ihre Reisen zu Verhandlungen fort. Als Meşales Mann Ende Mai zu seinem Prozess in die Türkei reiste, wurde ihm erneut der Pass entzogen. Die Regierung dachte, wenn sie die Familie zerschlägt, schweigen sie. Doch Meşale erklärte in Radio Özgürüz: "Ich fahre wieder in die Türkei und kämpfe darum, meinen Mann freizubekommen. Wir beugen uns dem Unrecht nicht."

Sie ist eine von Zehntausenden, deren Partner als Geiseln festgehalten werden. So wie auch ich. Nachdem ich 2016 nach Berlin gekommen war, wurde meiner Frau am Flughafen der Pass entzogen, als sie zu mir kommen wollte. Anders als bei Meşales Mann gab es gegen sie weder einen Prozess noch eine Anschuldigung, sie hatte nichts "verbrochen", außer meine Frau zu sein. Später erließ der Präsident ein Dekret, das erlaubte, Partnern von wegen Terrorismus Gesuchten ohne Gerichtsbeschluss die Ausreise zu verweigern. Das widersprach dem Prinzip der Individualität von Schuld.

Vor einem Jahr versprach Erdoğan, für 181.000 Personen, die wegen Vergehen ihrer Angehörigen nicht ausreisen dürfen, die Passbeschränkungen aufzuheben. Das war gelogen. Von der Polizei erhielt meine Frau die Auskunft: "Solange Ihr Mann nicht zurückkehrt, bekommen Sie Ihren Pass nicht." Als Erdoğan bei seinem Deutschlandbesuch aufgefordert wurde, die Einheit der Familie zu achten, war seine Erwiderung ein Schock: "Wenn Ihnen die Einheit der Familie so wichtig ist, schicken Sie doch die Leute von Deutschland in die Türkei!" Da Erdoğans Politik der Geiselnahme von Angehörigen ihm verhasster Gegner sich nicht änderte, suchen Hunderte Partner und Kinder illegale Wege ins Ausland. Meldungen über ertrunkene Angehörige in der Ägäis oder im Grenzfluss Mariza häufen sich. Seit Jahren nahmen die Menschen in der Türkei syrische Flüchtlinge auf, jetzt sind sie selbst Flüchtlinge.

Meşale muss ihrem heute vierjährigen Sohn, der ein Viertel seines Lebens im Gefängnis verbrachte, erklären, warum sein Vater nicht wiederkommt. Von dem Land, das seine Justiz dem Willen des Alleinherrschers ausgeliefert hat, erwarten wir keine Gerechtigkeit mehr.

2015 spielte Salma Hayek in Septembers of Shiraz eine Frau, die aus dem Iran in die Türkei in die Freiheit flüchtete. Ob sie in einer Neuauflage des Films wohl eine Frau spielt, die aus der Türkei flüchten muss, um in die Freiheit und zu ihrem Ehepartner zu gelangen?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe