Es kursiert in der Berliner Theaterszene die Geschichte, dass Chris Dercon, nachdem er Intendant der Berliner Volksbühne geworden war, sich rasch mit dem Regisseur und Autor René Pollesch getroffen habe. Dercon, der neue Chef, wollte Pollesch, einen wichtigen Kopf der "alten" Volksbühne und Weggefährten Frank Castorfs, für sich gewinnen. Mit wachem strategischem Instinkt hätte er so einen wichtigen Teilerfolg erzielt bei dem Versuch, seine vielen Gegner in der Stadt milde zu stimmen: Pollesch hätte Kontinuität verkörpert, er hätte eine Brücke zwischen der großen Vergangenheit und der ungewissen Zukunft des Hauses schlagen können. Dercon soll Pollesch also einen hohen Posten im Haus offeriert haben, und er unterbreitete sein Angebot, so heißt es, mit den Worten "Ich mach dich weltberühmt".

Was Pollesch wohl als Affront, als gönnerhafte Ansage des aus London nach Berlin übersiedelten Kunstweltmannes Dercon verstand. Er lehnte das Angebot jedenfalls ab und betrat, so die Legende, seitdem das Haus nicht mehr. Aber er machte den Satz Dercons in Berlin bekannt: "Ich mach dich weltberühmt" – das wurde fortan, gern in flämischer Färbung, bei vielen launigen Gelegenheiten in der Stadt zitiert.

Am Abend des 11. Juni wurde nun gemeldet, dass ebendieser Pollesch, der es ablehnte, unter Dercon weltberühmt zu werden, der neue Intendant der Berliner Volksbühne sein werde.

Erinnern wir uns: Frank Castorf, geboren in Ost-Berlin, groß geworden in der DDR, hatte das Haus von 1992 an geleitet, und auch sein Engagement war schon von Beginn an mythisch an den Begriff des Ruhms geknüpft. Eine beratende Kommission unter dem Theatertheoretiker und ehemaligen Intendanten Ivan Nagel hatte Castorf für dieses Haus empfohlen, verbunden mit der Prophezeiung, es werde in wenigen Jahren entweder "weltberühmt oder tot" sein. Castorf machte das Haus tatsächlich weltberühmt (im Verbund mit Regisseuren wie Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler und René Pollesch), er blieb 25 Jahre und wäre gern noch ein bisschen länger geblieben – aber der damalige Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner hatte einen anderen Plan. Er (oder eigentlich sein Chef, der Regierende Bürgermeister Michael Müller, der damals auch Kultursenator war) holte Chris Dercon, den Direktor der Londoner Tate Modern, Chef eines großen Museums aus dem Finanzzentrum Europas, nach Berlin.

Die Sache ging furchtbar schief. Dercon traf auf blanken Hass in der Stadt, kannte sich mit Ensembletheater nicht aus, überschätzte viele administrative Probleme, hatte keinen tragfähigen Plan, musste mitansehen, wie sich alle wesentlichen Schauspieler des Hauses demonstrativ anderswo verpflichteten – und wurde im April vergangenen Jahres vom Kultursenator Klaus Lederer entlassen. Spätestens seitdem wogte durch die Stadt eine Energiewelle schwärmerischer Nostalgie, die sich in der Forderung entlud, Frank Castorf könne, ja müsse nun an "sein" Haus zurückkehren. Was dieser aber zurückwies. Castorf genießt inzwischen seine Rolle als reisender Regieweltmann in vollen Zügen. Derweil führt übergangsweise der aus Stuttgart gekommene Verwaltungsdirektor Klaus Dörr das Haus, die Zeit verging, und ein neuer Intendant wurde nicht gefunden. Oder, um genau zu sein: Er wurde nicht überzeugt. Denn die Nachricht, Pollesch werde Volksbühnen-Intendant, schwebte schon vor vielen Monaten druckreif über dem Rosa-Luxemburg-Platz, sie wurde nur nie bestätigt. Pollesch und Lederer waren sich wohl einfach nicht einig geworden. Bis zum 11. Juni.

Von der Saison 2021/22 an soll Pollesch das Haus leiten, und man muss sagen: Sosehr Chris Dercon ein Anfänger auf dem Intendantenposten war, so sehr ist es nun auch René Pollesch. Er, 1962 im hessischen Friedberg geboren, ist der strikte Urheber und Hersteller seines eigenen Theaters, er lässt keinen Zweiten in die Nähe seiner Texte. Und er hat auch nie etwas anderes als sich selbst auf die Bühne gebracht. Seine Arbeitsmethode weist ihn als einen teamfähigen Eigenbrötler aus, der seine antidramatischen, sich aller herkömmlichen Theaterbrauchbarkeit verweigernden Stücke im Zusammenspiel mit seinem jeweiligen Ensemble stets selbst verfasst und ausschließlich selbst inszeniert. Seine Texte haben Titel wie Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis oder I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung oder auch Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs. Teil 1: Ich spreche zu den Wänden. Selbst wer noch nie ein Pollesch-Stück gesehen hat, erkennt schon hier: Verständigung im simplen Sinn ist nicht das Anliegen dieses Dramatikers, und mit dem wellmade play angelsächsischer Prägung hat er nichts zu tun. Allerdings reden Polleschs Darsteller gern in dem harten Schnellfeuersound gewisser Amerikaner wie David Mamet oder Quentin Tarantino. Keine seelische Not, sondern der Überdruck, der von den Textmengen erzeugt wird, bestimmt diese Dramatik, und am Spielfeldrand sitzt eine Souffleuse, die den Darstellern die Stichwörter zuwirft.