Dieses Theater pflegt seine speziellen Zeremonien. Noch nie ist eines der Pollesch-Stücke von einem anderen Menschen als dem Autor selbst inszeniert worden. Pollesch kennt den Kulturbetrieb vor allem aus der Sonderlings-Perspektive des durchreisenden Genies, das mit einem eingeschworenen Stamm von Lieblingsschauspielern, die an allen großen Häusern (in Hamburg, Stuttgart, Zürich, Wien und so weiter) entweder seiner harren oder die er als Gäste mitbringt, auf den sogenannten Betrieb blickt: Er lebt und arbeitet in seiner eigenen Blase. Und dies auf hohen Produktionstouren.

An der Volksbühne muss er nun entweder einen Sinn für das große Ganze, für andere ästhetische Sprachen und für das Repräsentieren entwickeln, oder aber er muss Leute finden, die ihm das alles glaubwürdig abnehmen. Dass er sich die Entscheidung schwer gemacht hat, ja dass das verwurzelte Dasein eines Theaterdirektors vermutlich gegen seine Natur ist, lässt sich schon daran ablesen, dass er so lange gezögert hat, bis er den Posten annahm, den ihm der Senator Lederer sicherlich schon vor einiger Zeit angetragen hatte.

Denn eigentlich steht er dem Berufstheater und seinen Empfindungsroutinen skeptisch gegenüber. In einem Gespräch, an dem auch der von ihm geschätzte Harald Schmidt teilnahm, sagte er: "Ich habe mich mal mit einem Regisseur unterhalten, wir redeten über Theater, und da merkte man schon, dass man nicht viel miteinander zu tun hat, und plötzlich sagt der, was machst denn du so mit deinem Geld? Oh Gott, wird mir dann klar, wenn Geld der Motor ist, dann ist es wahrscheinlich ziemlich anstrengend, so was herzustellen wie einen Theaterabend. Dann muss er es dauernd so deichseln, dass das, was er da macht, wie Theater aussieht und nicht nach Anlageberatung. Ich will mich jetzt gar nicht gegen Geld aussprechen, im Gegenteil, aber man braucht da was anderes, das einen auf Trab hält, denn so viel Geld verdient man dann nämlich auch wieder nicht."

Was wird Pollesch an der Volksbühne auf Trab halten? Vielleicht doch so etwas wie Familiensinn. Es ist zu erwarten, dass die großen Helden von einst, Sophie Rois, Martin Wuttke, Milan Peschel, Alexander Scheer, Lilith Stangenberg, Kathi Angerer und all die anderen grandiosen Spielerinnen und Spieler, nun in hellen Springfluten an dieses Haus zurückkehren werden, das nie mehr zu betreten sie doch geschworen hatten. Und wer weiß: Vielleicht kommt auch "der Frank" mal wieder. Eine große Retro-Fröhlichkeit wird sich breitmachen.

Vermutlich hatte René Pollesch irgendwann den Eindruck bekommen (oder das alte, immer noch existierende Volksbühnen-Milieu hatte ihn diesbezüglich bekniet und weichgeklopft), dass aus der sozusagen klassischen Volksbühnengarde allein er für den Intendantenposten infrage komme und ihm gar nichts anderes übrig bleibe, als ihn schließlich zu übernehmen.

In einem seiner jüngsten Stücke, Black Maria, uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin, also an einer Konkurrenzbühne, hatte es, fast prophetisch, geheißen: "Hausbesetzer besetzen Häuser. Bei Besetzungsfragen im Theater ist es umgekehrt, da wird man vom Haus besetzt."

Anders gesagt: Wenn die Volksbühne ruft, hat man keine Wahl. Man muss am Ende gehorchen.