Ein Mitarbeiter öffnet die Kuppel des Teleskops auf dem Entoto, einem Berg bei Addis Abeba. © Jeroen van Loon

Als Eyoas Ergetu die schwere Tür aus Stahl aufschiebt, ist dahinter nichts als Finsternis. Perfekte Bedingungen, könnte man denken, um jetzt mit dem Teleskop den Sternenhimmel zu beobachten. Nur ist es elf Uhr morgens, draußen knallt die Sonne vom Himmel Äthiopiens. Und drinnen in der Teleskopzentrale sollte Licht brennen. Aber der Strom ist weg.

"Das passiert ab und zu", sagt Systemmanager Ergetu und verschwindet. Er steigt einen Abhang hinunter, wo ein Generator steht. Als einige Minuten später die Lampen aufflackern, werden an den Wänden Plakate sichtbar, die Planetensysteme und Astronomiegeschichte zeigen. Und im Eingangsbereich sticht ein großer, flacher Karton mit deutscher Aufschrift ins Auge: "Bruchgefahr! Nicht werfen". Eyoas Ergetu erklärt mit sichtlichem Respekt: "Das ist die Verpackung für die Spiegel. Die wichtigsten Einzelteile der Anlage."

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Er atmet schwer. Reparatureinsätze in der dünnen Höhenluft sind anstrengend. Hier oben, auf dem Gipfel des 3200 Meter hohen Entoto, des Hausbergs von Addis Abeba, steht das erste Weltraumobservatorium Äthiopiens. Es ist eine Sensation, von der man unten im Tal, das von hier aus nur verschwommen zu erkennen ist, seit der Eröffnung 2014 spricht. Das Entoto Observatory sei "Äthiopiens Eintritt ins Weltall", schreibt das Africa Business Magazine. Die Zeitschrift Addis Fortune sieht das eigene Land schon als "neues regionales Zentrum der Forschung". Die Äthiopische Weltraumforschungsgesellschaft, die sich erst vor 15 Jahren gründete, aber schon mehr als 10.000 Mitglieder zählt, hat es seitdem eilig. Aus Versprechungen und Verheißungen sollen rasch Realitäten werden.

Die hochsensiblen Reflektoren aus Deutschland sind längst in die zwei Teleskope eingebaut. Doch zu kostbar seien diese Entwicklungen aus dem Hause Astelco, einem Betrieb in der bayerischen Ortschaft Planegg, um irgendetwas von der Lieferung wegzuwerfen. Und sei es die Verpackung. "So ein Teleskop kostet 1,6 Millionen Dollar. Und ohne die Spiegel darin können wir gar nichts machen." Aber mit ihnen kann der 29-jährige Eyoas Ergetu sprichwörtlich nach den Sternen greifen.

Ein Werbefaltblatt listet die Forschungsbereiche auf, an denen hier gearbeitet werden soll. Die äthiopischen Forscher wollen die Erde vermessen (Geodäsie) und die Bewegung der Sterne erkunden (Astrophysik). Sie wollen Satellitendaten zur Fernerkundung nutzen. Sie wollen den Einfluss der Sonne auf das Erdklima erforschen.

International hat das ambitionierte Programm nicht nur Bewunderung ausgelöst, sondern auch massives Befremden. Äthiopien gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, ein Viertel der Bevölkerung lebt in absoluter Armut. Die Alphabetisierungsrate liegt laut der letzten Erhebung von 2007 bei knapp 40 Prozent. Soll sich dieses Land, einer der größten Empfänger internationaler Entwicklungshilfe, teure Geräte für die Erforschung des Alls leisten? Sollte es nicht erst seine irdischen Probleme halbwegs in den Griff bekommen haben? Immerhin sind bis jetzt rund fünf Millionen US-Dollar in das Projekt geflossen, an dem sich neben Mäzenen auch der äthiopische Staat beteiligt.

Wissenschaftshistoriker haben eine ganz andere Perspektive auf Äthiopien: Wenn irgendwo astronomische Forschung einen angestammten Platz hat, dann hier. Kaum ein Land verfügt über eine so reiche Tradition der Sternenkunde, die ihre Spuren in Geschichten und in der Geschichte hinterlassen hat. In der griechischen Mythologie werden Kepheus und Kassiopeia, Herrscher eines Gebiets namens Aithiopia, das auch das heutige Äthiopien einschloss, von den Göttern an den Nordhimmel verbannt, wo sie seither als Sternbilder zu sehen sind. Im 2. Jahrhundert schrieb der Dichter Lukian von Samosata in seinem Buch Astrologie: "Die Äthiopier waren die Ersten, die die Lehre der Sterne erfanden. (...) Von ihnen wurde diese Kunst an die Ägypter weitergereicht."

Zum Kanon der im Land einflussreichen orthodoxen Kirche gehört das Äthiopische Henochbuch. Ein elf Kapitel langer Abschnitt trägt den Titel "Astronomisches Buch". Es beschreibt die Erde als eine von Säulen getragene Scheibe, bewohnt von zwei Ungeheuern – Behemoth, der in der Wüste lebt, und Leviathan, die im Meer wütet. In Äthiopien haben Menschen sehr früh damit begonnen, über das Verhältnis zwischen Erde und Universum nachzudenken. Zahlreiche astronomische Bauernweisheiten geben Auskunft darüber, wie Ernten ausfallen werden und sich Krankheiten heilen lassen.