Funktioniert das wirklich: aus Scheiße Gold machen? Oder anders formuliert: Kann man die Hinterlassenschaften der intensiven Tierzucht in wertvolle Rohstoffe und neue Produkte verwandeln, sodass keine Abfälle mehr die Umwelt belasten und alle wichtigen Inhaltsstoffe wiederverwertet werden? Genau das verspricht ein ambitioniertes Unternehmen im Münsterland, eine Teillösung für die anhaltende Güllekrise.

Die gärt gerade mal wieder zwischen Brüssel und Berlin. Die EU-Kommission droht Deutschland mit Strafzahlungen in Millionenhöhe. Zu hoch ist die Belastung vieler Gewässer mit Nitraten, die aus Gülle stammen. Bis zu 860.000 Euro müsste die Bundesrepublik für jeden Tag zahlen, an dem sie keinen überzeugenden Vorschlag zur Linderung des Problems vorlegt.

Zwar gibt es nach jahrelangem Aufschub mittlerweile härtere Regeln für das Ausbringen der stinkenden Flüssigkeit – doch die reichen der EU-Kommission nicht aus. Nachdem auch die Kanzlerin Druck gemacht hatte, fanden Umweltministerin Svenja Schulze und ihre Landwirtschaftskollegin Julia Klöckner vergangene Woche einen Kompromiss. Demnach sollen die erlaubten Düngemengen in besonders nitratgefährdeten Regionen um 20 Prozent verringert werden. In den nächsten Tagen wollen die Ministerinnen nach Brüssel reisen, in der Hoffnung, dass die Kommission ihre Vorschläge akzeptiert.

Umweltschützer bemängeln zu viele Ausnahmen, umgekehrt sind viele der betroffenen Bauern sauer. Doch im westlichen Münsterland wollten sich einige von ihnen lieber schon mal auf die Verschärfungen vorbereiten. Dort, am Rand des Städtchens Velen, steht die Modellanlage des Unternehmens NDM Naturwertstoffe. Sie geht in diesen Tagen in Betrieb.

Windkraftkolosse drehen sich über weiten Futtermitteläckern und Wiesen, hinter grünen Waldstücken glänzen Fotovoltaikmodule auf den Dächern großer Stallgebäude. Dann tauchen nagelneue schwarze und rote Industriegebäude auf.

Doris Nienhaus, die Initiatorin des Projekts, strahlt eine interessante Mischung aus Zünftigkeit, Eleganz und Zielstrebigkeit aus. Die Geschäftsführerin der WLV-Service, einer Tochter des Westfälisch-Lippischen Bauernverbands (WLV), erzählt, wie sie den Bauern schon vor zehn Jahren geraten hat: "Ihr müsst selbst etwas unternehmen, ehe ihr in den großen Nachrichtensendungen als Verursacher des schlechten Trinkwassers am Pranger steht." Doch lange verdrängten die Landwirte das Problem.

Eigentlich ist Gülle nützlich. Sie enthält viele Nährstoffe, deshalb bringen Bauern sie als Dünger aufs Feld. Doch hier im Landkreis Borken ist dieser Kreislauf gestört. Über Jahrzehnte wurde die Fleisch- und Milchproduktion systematisch gefördert, die Ställe wurden immer größer – aber die Ackerfläche wuchs nicht mit. Shit happens: Wo zu viele Tiere fressen, kommt einfach hinten zu viel raus.

In ihrer Bedrängnis kippten viele Bauern hier und anderswo die braungrüne Soße zu oft und zu großzügig aufs Feld – in der Folge stiegen die Nitratwerte im Trinkwasser. Auswege gibt es, etwa den Abtransport. Der Schweinehalter Markus Steverding zum Beispiel, der an dem NDM-Projekt beteiligt ist, lässt einen Teil seiner Gülle von blank polierten Tankwagen abholen, die sie dann in andere Anbauregionen fahren. Aus einigen Gegenden in Westfalen oder Niedersachsen geht es sogar bis ins Sauerland, nach Sachsen-Anhalt oder Brandenburg.

Das ist teilweise sinnvoll. Denn dort halten manche Ackerbauern selbst keine Tiere mehr. Sie können Phosphor, Stickstoff und Spurenelemente für Mais, Weizen oder Roggen gut gebrauchen. Der Tier-Boden-Pflanze-Kreislauf wird überregional neu inszeniert. Und Gülle ist immer noch besser als Kunstdünger, der mit hohem Energieaufwand klimaschädlich erzeugt wird.

Andererseits entfährt Doris Nienhaus ein fassungsloses "Das darf doch nicht wahr sein!", wenn sie sich vorstellt, welche Mengen an Flüssigkeit die Lastwagen Hunderte Kilometer weit bewegen: "Auf die Ökobilanz darf man da echt nicht schauen." Der Gülletourismus kostet die Landwirte überdies eine Menge Geld. Bis zu 20.000 Euro jährlich bezahlt zum Beispiel Markus Steverding für die Entsorgung. Die erneute Verschärfung der Düngeregeln würde Überschussmengen und Preise noch einmal erhöhen.