Kino kann alles. Es kann unterhalten, verstören, erheitern, berühren, bilden. Es kann auch all dies zugleich, in einem einzigen Film, und wenn das der Fall ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er von Alexander Kluge stammt. Happy Lamento ist solch ein Film, der unterhält, verstört, erheitert, berührt, bildet – und was nicht noch alles. Wer ihn sieht, auch das ist recht wahrscheinlich, dem schwirrt dabei der Kopf, womöglich macht sich ein leichtes Schwindelgefühl breit. Denn dieser Film dreht sich, nun ja, um alles, was sich dreht.

Das ist zuerst einmal die Zeit. Die Zeit, die wiederkehrt. Zuletzt hatte der mittlerweile 87-jährige Alexander Kluge sich aufs Schreiben und auf Filmstoffe konzentriert, die das Kinoformat sprengten, etwa mit seiner fast zehnstündigen Verfilmung von Marx’ Kapital nach Sergej Eisenstein. Sein letzter Kinofilm liegt mehr als 20 Jahre zurück; 50 Jahre ist es her, dass er für Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos den Goldenen Löwen in Venedig bekam. An diesen Film schließt Happy Lamento jetzt an. Die Manege ist erneut frei, für Elefanten und Trapezkünstler, die im Verlauf des Films immer wiederkehren.

Zurück sind auch einige alte Weggefährten von Kluge, lebende und tote, die er geschickt in den Reigen seiner Bilder montiert. Helge Schneider kämpft, oder besser: ringt mit einem Lichterschlauch. Peter Berling, 2017 gestorben, erörtert, wie man Löwen militärisch ins Feld schicken kann. Und der Dramatiker Heiner Müller, 1995 gestorben, raucht noch einmal eine Zigarre, während er über die Poesie des Mondes nachdenkt. Überhaupt der Mond: Er geht in Happy Lamento fortwährend auf und unter. In den verschiedensten Formen und, ja, Farben. Blue Moon, gesungen von Elvis Presley, ertönt dazu vom Plattenspieler.

Was den Film aber über diese klassischen Kluge-Zutaten hinaus prägt und ihn dann doch anders erscheinen lässt als alle anderen Kluge-Filme, ist die Zusammenarbeit mit dem radikalen philippinischen Regisseur Khavn De La Cruz. Vielleicht ein Viertel des Materials von Happy Lamento besteht aus eingestreuten Ausschnitten des Films Alipato – The Very Brief Life of an Ember ("Das sehr kurze Leben eines Funkens"). Khavn hat ihn mit Laiendarstellern in einem Slum von Manila gedreht.

Es sind seltsam bunte und zugleich dunkle Bilder, die in einem wilden Tanz vorüberwirbeln, kraftvoll und schockierend: Sie zeigen Spiralen der Gewalt, in die eine Gang von völlig verwahrlosten Kindern und Jugendlichen gerät. Unterbrochen werden die Szenen, in denen die Kamera von Khavn immer bewegt auf der Spur der Gewalt bleibt, von Fotografien philippinischer Grabtafeln. Die darauf verzeichneten Sterbedaten, 2025, 2053, liegen in der Zukunft.

Das erlaubt die Frage: Geht dort die Reise heute hin? Deutet Kluge, mit seiner Lust an allem, was sich dreht, in Happy Lamento eine Rückkehr auch der Gewalt an? Ist sein Film ein Abschied von der westlichen Idee des Fortschritts? Ersetzt er das lineare Zeitverständnis der Moderne, als Weg von der Gewalt zur Verständigung, von den Trieben zur Vernunft, durch die zirkulare Zeit des Mythos, in dem alles wiederkehrt? Man könnte dann denken, Alexander Kluge sei ratlos, auch angesichts des Zirkus, den die gegenwärtige Politik aufführt. Donald Trump kommt gleich mehrfach ins Bild.

Doch diese Ratlosigkeit angesichts der Wiederkehr von Phänomenen, die man eine Zeit lang überwunden glaubte, wird in dem Film nur ausgestellt. Kluge selbst, der intellektuell im Umfeld von Theodor W. Adorno sozialisiert worden ist und in den Siebzigerjahren mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt über gesellschaftliche Emanzipation forschte und schrieb, macht sie sich nicht zu eigen. Eine rettende Perspektive zumindest ist im Film enthalten. Sie liegt nicht in den Bildern selbst, sondern in der spezifischen Form ihrer Verknüpfung.

Als Beispiel dieser Verknüpfung könnte das Eingangsbild des Filmes dienen: Eine elektrische Glühbirne leuchtet auf, ein Lichtblick. Das Motiv wird in Khavns Film weitergeführt – so kurz das Leben, ein Flackern nur! Später wird mit eingeblendeten Sätzen, nicht mit Bildern, von einem Elefanten erzählt, der durch Elektroschocks im Beisein der Presse und eines großen Publikums in Coney Island exekutiert wird. Aber auch der Rückgriff auf vorelektrische Energie- und Lichtquellen ist nicht schön: Fackeltragende Nazis ziehen vorbei.

Das Prinzip ist klar: Kluge bringt in seinem Film zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört. Nicht nur auf der Ebene einzelner Bilder, Töne, Wörter. Happy Lamento ist eine Anklage, ein Hoffnungsschimmer, ein Trauermarsch, ein Tanz, ein Gedicht, ein Nachruf und was nicht noch alles zugleich.

Das Entscheidende aber ist: Kluges Ästhetik der Verknüpfungen und der Vielstimmigkeit entspricht einer Ethik des Ensembles, einer Politik, die immerzu am Puzzeln mit unpassenden Teilen ist, jenseits von jeder Passion der Reinheit, mit der Populisten heute so gern auf Stimmenfang gehen. Oder um es anders zu sagen: Kluge lebt und filmt im Bewusstsein, dass die Welt relational verfasst ist. Menschliche und nichtmenschliche Akteure – in Happy Lamento der Mond, Schallplatten, Elefanten, Löwen, Elektrizität – sind auf vielfältige, oft kaum durchschaubare Weise miteinander verbunden. Und jedes Handeln muss möglichst im Hinblick auf seine Folgen für das Netz des Lebens bedacht werden, in dem alle miteinander zappeln. In diesem Sinn, als Ökologe des Kinos, ist Alexander Kluge heute so aktuell wie nie.