Modernste Technik und Begabten-Stipendien für Azubis: So will der FDP-Politiker Thomas Sattelberger die berufliche Bildung retten.

DIE ZEIT: Herr Sattelberger, Bundesbildungsministerin Anja Karliczek plant, das Berufsbildungsgesetz zu modernisieren. Sie will die berufliche Bildung durch neue Titel aufwerten, etwa den Bachelor Professional und den Master Professional. Zudem schlägt sie eine Mindestausbildungsvergütung vor. Unterstützen Sie das?

Thomas Sattelberger: Nein. Mit Pseudoakademisierung stärkt man die berufliche Bildung nicht. Und für eine Mindestausbildungsvergütung braucht man keine Reform der Berufsausbildung. Stattdessen brauchen wir echte Innovationen.

ZEIT: Die berufliche Bildung steht unter Druck. Unternehmer finden zu wenig Azubis; junge Leute zieht es zunehmend an die Unis. Sie kennen die Berufsbildung als Praktiker, zuletzt als Personalvorstand der Deutschen Telekom, und seit knapp zwei Jahren als Politiker. Was schlagen Sie vor, um die Berufsbildung zu retten?

Sattelberger: Erst mal aufhören, sie schönzureden. Wenn ein Produkt nicht mehr so nachgefragt wird, muss man das Produkt verbessern.

ZEIT: Passt die deutsche Berufsbildung besser zum mittelalterlichen Zunftwesen und zur Industriegesellschaft als zur digitalen Wirtschaft?

Sattelberger: Mittelalterliche Wanderjahre passen bestens zur digitalen Wirtschaft. Selbsterfahrung in unterschiedlichen Welten und Kulturen, das ist hochmodern! Zudem entwickeln Auszubildende etwa im Handwerksbetrieb oft unternehmerische Fähigkeiten. Ausbildung heißt außerdem, diszipliniert im Team zu arbeiten. Traditionelle industrielle Berufsausbildung hingegen mit strenger Normierung – Lernfließband statt Kreativlabor – taugt weniger für die digitale Ökonomie.

ZEIT: Was würden Sie ändern?

Sattelberger: In der Industrie gehört die Zukunft einem Hybrid, dem Facharbeiter-Ingenieur mit beruflicher und akademischer Qualifikation. Dieser grey collar worker vereint Blaumann mit weißem Kragen und behebt auf dem Tablet souverän Irregularitäten in Produktion, Logistik et cetera. Oder der Friseur, der am Tablet interaktiv mit dem Kunden Bartvarianten simuliert. Auch hier taugt das alte Lernmodell nicht so recht.

ZEIT: Wie sähe denn ein neues Modell aus?

Sattelberger: Für die digitale Welt brauchen wir lehrplanbefreite Räume, in denen junge Menschen im Team experimentieren, designen oder Prototypen bauen – Trial and Error ohne Instruktor. Mit einem Coach oder Kollegen, der sagt: Probier’s doch mal so. Veränderte Ausbilder- und Lehrerrollen, wie im Film Der Club der toten Dichter, eine experimentelle Parallelwelt zum Internat des Drills.

ZEIT: Wer Abi macht und in einem Betrieb Speditionskaufmann lernt, kann einem praxisunerfahrenen BWL-Bachelorabsolventen durchaus überlegen sein. Warum streben trotzdem so viele an die Hochschulen?

Sattelberger: Junge Leute entscheiden sich nicht nur für einen Ausbildungsplatz, sondern auch für Karriereperspektiven, möglichst hohes Einkommen und Status. Da haben sich mittelständische Unternehmen zum Teil selber eingebrockt, was sie jetzt beklagen: Sie haben ihre Karrierewege mehr und mehr akademisiert. Im gewerblich-technischen Bereich, ja im ganzen tariflichen Bereich spielt Talentmanagement kaum eine Rolle. Dafür sind sich viele Personalabteilungen zu schade. Früher konntest du als Meister deinen Aufstieg ins mittlere Management machen. Heute kommen meist nur Akademiker infrage.