Über welche Stadt hat der große und viel gereiste Schriftsteller Ernest Hemingway, gebürtig aus Oak Park in Illinois, Folgendes gesagt? "Fahren Sie gar nicht erst woandershin. (...) Alles andere in Deutschland ist Zeitverschwendung."

Sie wissen es nicht? Okay, dann noch ein zweites Zitat, diesmal vom großen Schauspieler und noch größeren Regisseur Clint Eastwood, gebürtig aus San Francisco, Kalifornien: "Ich erinnere mich kaum, schon mal eine so schöne Verbindung von Bergen, Seen und einer Stadt gesehen zu haben. (...) Ob das ein Gott gemacht hat? Fragen Sie mal den Papst, der weiß es ja sicher." Ich glaube nicht an Gott. Ich habe auch nicht vor, den Papst zu befragen. Aber ich wette, jetzt haben Sie die Antwort, oder?

Es gibt natürlich viele schöne Städte, ich weiß das. Ich bin in der Nähe von Leipzig geboren und in Schwerin aufgewachsen, ich habe in Berlin und Hamburg gewohnt. Aber keine deutsche Stadt ist so schön wie die, in der ich seit anderthalb Jahren lebe: München.

Während ich das schreibe, höre ich Sie schon protestieren: Unsinn! Bei mir ist es viel schöner! Was soll ich sagen? Vielleicht sind Flensburg oder Kassel oder meinetwegen auch Recklinghausen tatsächlich umwerfend schön. Aber darum soll es gar nicht gehen. Vielmehr beschäftigt mich eine große, wichtige, wirklich drängende Frage: Was ist das Geheimnis von Münchens Schönheit?

Und mit Schönheit meine ich natürlich den Englischen Garten und die Isarauen, ich meine den St.-Anna-Platz an einem der ersten Sommertage, ich meine die Leichtigkeit, die auch der Nähe zu Italien entspringt (nicht umsonst heißt München auf Italienisch Monaco di Baviera), und, ja, ich meine auch die Weißwürste. Aber vor allem meine ich die Schönheit, die darin zum Ausdruck kommt, dass die Menschen hier gut zueinander sind.

Die Münchner sind nicht so wütend wie die Berliner, und sie behandeln einander auch nicht so schlecht. (Man muss in Berlin ja nur einmal S-Bahn fahren: Es gibt kaum eine andere Stadt, in der so viele schöne und begabte Menschen leben, die so furchtbar einsam und traurig wirken.) Die Münchner sind auch nicht so bemüht und geschäftig wie die Hamburger. Was ich an den Münchnern vor allem schätze, ist nicht nur, dass sie einem nachmittags schon um 16 Uhr einen "schönen Feierabend" wünschen, sondern: ihre Herzlichkeit.

Zugegeben, ich als Zugezogener verstehe nicht immer alles, was sie sagen. Aber ich verstehe genug, um zu wissen, dass einem diese Herzlichkeit – wie alle großen Kostbarkeiten – vor allem in kleinen, alltäglichen Situationen begegnet: An der Supermarktkasse, wo einem die alte Frau ungebeten den Vortritt lässt. Beim Metzger, wo der Mann hinter der Theke sich genau erinnert, dass man vergangene Woche zwei Semmeln mit Mortadella bestellt hat. In der Tram, wo die Sitznachbarin freundlich das Gespräch sucht. Oder abends in der Bar, wo der Barmann einen bald mit Namen begrüßt.

Zu Beginn dachte ich, die Münchner wollen sich über mich lustig machen. Es kam sogar vor, dass ich mich umdrehte, weil ich dachte, sie meinten jemand anderen. Aber, nein, ich habe mir das nicht eingebildet. Die Münchner sind tatsächlich so! Doch warum?