Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Für manche ist die Freiheit eine duftende Blume, die von selbst im Garten wächst und deren Wert man erst erkennt, wenn sie fehlt. Wir dagegen ziehen sie mit tausend Mühen und dem Licht der Hoffnung in einem von Stacheldraht umzäunten Garten, wo Sonne, Wasser, Erde begrenzt sind, gießen sie mit Tränen. Meist wird sie vor der Blüte zerstört; kommt sie aber doch irgendwie durch, verströmt sie ihren Duft in die Welt.

Unser Familiengarten hat eine interessante Geschichte: Als ich im Gefängnis saß, reisten meine Frau und mein Sohn um die Welt, um unserem Ruf nach Gerechtigkeit Gehör zu verschaffen. Als ich freikam, ging ich nach Deutschland. Da entzog die türkische Regierung ohne Rechtsgrundlage meiner Frau den Pass und verhinderte, dass sie zu mir kam. Sie wollte uns mit Trennung strafen. Nun reiste ich um die Welt und forderte Gerechtigkeit für meine Frau. Die Welt hörte es, die türkische Regierung nicht. Dass eine Frau, nur weil sie die Angehörige eines Oppositionellen ist, von Mann und Sohn getrennt und als Geisel genommen wird, galt als normale bürokratische Maßnahme. Justiz, Politik und Diplomatie versagten.

Sie können sich vorstellen, wie traurig eine Mutter ist, wenn sie nicht bei ihrem im Ausland studierenden Kind sein kann und es nur von ferne erleben kann. Wenn sie aufgerieben ist zwischen der Sorge, die alten Eltern nicht wiederzusehen, und der Sehnsucht nach ihrem Mann und ihrem Sohn. Nur weil ein Tyrann sich dafür rächte, dass seine schmutzigen Geheimnisse aufgedeckt worden waren.

Nach drei Jahren vergeblichen Wartens entschied sich meine Frau, die uns trennenden Verbote zu umgehen. Wie Antigone, die kompromisslos ihrer Überzeugung folgte und sich gegen den Herrscher auflehnte. Meine Frau nahm den Tod in Kauf, aber keinen Kompromiss. In aller Stille packte sie einen kleinen Koffer und ließ den Garten zurück, den wir jahrelang mit Herzblut und Tränen gehegt hatten. Wie Antigone, zwischen Toten und Lebendigen hin- und hergerissen und schließlich um Haus und Heimat gebracht, setzte sie allein die Segel in die Freiheit und verließ, wie sie sagte, ihre "geliebte Familie", ihr "geliebtes Land".

Als wir uns nach drei Jahren an einem Junimorgen am fröhlich bewegten anderen Meeresufer in einem Strandcafé umarmten, war es, als wären wir nie getrennt gewesen. Die Tyrannei derer, die uns trennen wollten, hatten wir besiegt, ihren Starrsinn gebrochen. Freunde, mit denen wir gemeinsam das Lied der Freiheit gesungen hatten, kamen zur Begrüßung. Wir waren zu einer großen Familie geworden, bestehend aus derselben Tyrannei ausgesetzten Familien, ihren Männern entrissenen Frauen, ihrer Mütter beraubten Kindern, aufgrund ihrer Meinung Eingesperrten und Gefährten, die sich bemühten, ihnen allen eine Stimme zu geben. Ohne den Duft der Blumen unseres alten Gartens in der Nase machten wir uns mit der gleichen Hoffnung daran, neue Blumen zu säen.

Denn von Antigone wussten wir: Nur wer sich auflehnt, hat die Freiheit verdient. Und erblüht sie erst, wird die Welt zu einem herrlichen Garten.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe