1. Lektion: Sündige kräftig.

Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. © Kulturrat der EKD

Von Gott reden, das heißt: anders vom Menschen reden. Die kommenden Lektionen versuchen das. Sie versuchen die Tiefe und den Grund des christlichen Glaubens für heute auszuloten, sie suchen nach einer tragfähigen Sprache, die das Gedachte und Erforschte anderer Generationen nicht verachtet, aber auch mal hinter sich lässt.

Sünde macht dick und ist teuer. Mehr ist nicht übrig von der Sünde im Alltag. Ein paar Punkte in Flensburg oder die Schokolade heimlich nachts um drei. Manche Menschen zucken trotzdem zusammen, wenn das Wort fällt. Sie erinnern sich an einen gar nicht lieben Gott, der guckt, ob die Hände über der Bettdecke liegen. Klein und falsch auf dieser Welt sollten sie sich fühlen unter dem Kontrollblick eines straflustigen Gottes. In der Geschichte des Christentums ist die Sündenpredigt das vielleicht größte Missverständnis des Glaubens. In Zeiten, wo Moral einen schlechten Ruf bekommt, ist es gar nicht einfach, gegen die Moralisierung anzuschreiben, aber Sünde, wie die Bibel sie versteht, beschreibt schlicht den Zustand des Menschen. "Das Gute, das ich tun will, kann ich nicht", gibt der Apostel Paulus zu bedenken. Wer über Sünde redet, redet nicht über andere, sondern über sich selbst. Der Zeigefinger-Moral, die im digitalen Zeitalter viral wird, erteilt schon Jesus eine Absage: "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Manch ein Satz führt zu gefährlicheren Verletzungen als der Kiesel, der an jemandes Kopf landet. Die Brutalität des Umgangs mit anderen lenkt ab von dem Abgrund in sich selbst. Das ist eine christliche Pointe. Ertrage dich schonungslos. Mach dir nichts vor. Den Abgrund des Menschen beschreibt der Bibelleser Martin Luther mit überraschender Aktualität. Seine Sündenlehre ist eine Theorie menschlicher Affekte. Wer vom Teufel geritten wird, wer grün vor Neid oder schwarz vor Ärger anläuft, der erfährt körperlich, was Sünde heißt: die Einsicht in den Kontrollverlust der eigenen Emotion.

Diese Kränkungsbereitschaft, die Lust, längst vergangene Verletzungen immer wieder aufzurufen, die erschreckende Fähigkeit zum Hass, das alles ist bei Martin Luther Sünde: so in sich selbst verkrümmt zu sein, dass nichts mehr in den Blick gerät als das betrogene, zu kurz gekommene Selbst. Sünde ist die Einsicht in den Abgrund des Menschen und die darauf folgende Erkenntnis, dass es nur schwer möglich ist, aus diesem Strudel selbst herauszukommen. Vernunft, Wille, Einsicht – alles begrenzt, wenn das Gefühl der Wut die Führung übernimmt. Auch Selbsthass gehört für den Reformator dazu, dieser verächtliche Blick auf das eigene Spiegelbild: wieder nicht geschafft. Wieder nicht genug geliebt, gearbeitet, gebetet. Zu langsam, zu blöd, zu kleinlich, zu schwach. Wenn die Performance doch den eigenen Vorstellungen genügte. Dann gäbe es genug "Likes". Daumen hoch im Angesicht des eigenen Scheiterns? Im Zeitalter perfekter Performance als Maßstab für Anerkennung mag diese Übung eine der härtesten sein.

Martin Luther hat deshalb einen Spruch in die Welt gesetzt, der im Christentum als Moralanstalt nichts verloren hat: "Sündige kräftig." Das ist kein Aufruf zu einer Karriere als Kriminelle, sondern eine Beschreibung des Menschen im Modus des Imperativs. So kommt der Gedanke der göttlichen Gnade ins Spiel. Das ist eine andere Lektion.