Im Frühjahr 1997 war ich zwölf Jahre alt und unser Religionslehrer Herr Schmidt, selbst oft im Westfalenstadion (ich glaube sogar: Dauerkartenbesitzer), echauffierte sich im Unterricht über jene Tribünengesänge, denen zufolge der BVB-Manndecker Jürgen Kohler ein "Fußballgott" sein solle. In diesem Moment nahm ich zum ersten Mal ganz bewusst wahr, dass man Religion und Fußball in der Stadt, in der wir uns gerade befanden, tatsächlich in einem Konkurrenzverhältnis sehen konnte.

Dass Herr Schmidt auch klarmachte, er finde jene "Sieg"-Gesänge ganz grauenhaft, die doch nur auf die Vervollständigung durch ein "Heil" im Kopf des Zuhörers abzielten, passte hingegen zu meinem damals schon gefestigten Bild der Glaubenswelt um mich herum als eher politisch und solide antifaschistisch. Seitdem begleitet mich die These mit wachsender Lautstärke, dass Dortmund unmöglich eine christliche Stadt sein könne, da sie ihre ganze transzendentale Hingebung dem Fußball angedeihen lasse. Und vielleicht ist das inzwischen so.

Ich lebe seit 2003 nicht mehr im Ruhrgebiet und habe bei Besuchen durchaus das Gefühl, dass eine Schwerpunktverschiebung stattgefunden hat. Dortmund war schon lange eine Stadt, der ihr Fußballverein sehr wichtig ist. Seit der messianischen Figur Jürgen Klopp kann man aber den Eindruck haben, hier habe ein Fußballverein noch eine ihm angeschlossene Stadt. Das sind natürlich schwierige Bedingungen für andere Lieferanten von Glaube, Freude und Sinn; und dass Dortmund mit 17 Prozent mehr Kirchenaustritten als im Vorjahr zuletzt nur Bundesdurchschnitt war (im Gegensatz etwa zu Essen mit 24 Prozent), erscheint in diesem Kontext fast gnädig.

Vielleicht ist diese Gnade aber auch folgerichtig, denn immerhin ist das an seinen Rändern geradezu ländliche Dortmund auch stark westfälisch-lutherisch geprägt. Ich habe just diesen Teil immer sehr unmittelbar mitbekommen. Meine Großmutter kam aus Bielefeld in die Stadt, mein Großvater aus Werdohl im Sauerland. Sie lebten Tür an Tür mit uns in Dortmund-Aplerbeck und waren so evangelisch, wie man nur sein konnte, mit unnötig kargen Mahlzeiten bei gleichzeitig fortwährender Betonung, wie gut man es sich doch gehen lasse, mit einem Platz im Kirchenvorstand (Opa) und einer etwas eitlen Arbeitsmoral (beide) und einem sehr genauen Verständnis davon, dass man (wegen Kirchenvorstand und Arbeitsmoral) zwar durchaus zu den kleinen, nicht aber zu den einfachen Leuten gehörte. Im braunen Furnierschrank standen derweil die Werke Dietrich Bonhoeffers und Jörg Zinks hinter Glas und bürgten für solide Verhältnisse, wenn die Nachbarinnen zu Besuch kamen oder die Verwandten oder zu runden Geburtstagen auch die Mitglieder des Posaunenchors.

In meiner Jugend passten Kirche und Ruhrgebiet dann auch ganz wunderbar zusammen. Es war die Zeit, als die letzten Anlagen der Großindustrie demontiert oder musealisiert wurden und zugleich das große Wort vom Strukturwandel irgendwelche vollkommen unrealistischen Irrsinnsprojekte beschrieb, die – davon war auszugehen – niemals gelingen konnten. Man lachte damals viel über den etwas exzentrischen, bei gutem Wetter – so zumindest erinnere ich mich aus einem Sommerpraktikum bei der Lokalzeitung – im weißen Anzug und mit Panamahut umherflanierenden Stadtdirektor, der aus dem Ostgelände des Hörder Phoenix-Stahlwerks einen Freizeitsee mit angrenzender Villengegend machen wollte. Dass es diesen See jetzt tatsächlich gibt und an seinen Gestaden tatsächlich BVB-Spieler wohnen und der Stadtdirektor Ullrich Sierau inzwischen Oberbürgermeister ist, erscheint versierten Dortmunder Zweckpessimisten immer noch wie das etwas gewollt witzige Einsprengsel in einer Geschichte, die sich ansonsten eher melancholisch bis in die Gegenwart fortschreibt.

Denn im Großen wie im Ganzen gehört das Ruhrgebiet und damit auch Dortmund natürlich zu jenen Regionen Westdeutschlands, in denen die Straßen von Jahr zu Jahr etwas rissiger, die einstmals wegweisenden Gebäude ein bisschen schmuddeliger und die Zeitungsseiten mit gut recherchierten Lokalnachrichten weniger werden. Nichts hier ist sonderlich spektakulär, auch nicht der Verfall, die meisten Menschen hier leben mopsfidele Leben und wollen aus guten Gründen "nich wech". Aber gerade, wer nur zwei- bis dreimal im Jahr vorbeikommt, merkt doch, wie sich die Stadt im Vergleich zu Hamburg, Berlin oder auch Leipzig eher träge erneuert – im Guten wie im Schlechten.