Der 18. September 2003 ist noch keine Stunde alt, als Monika de Montgazon von einem Prasseln geweckt wird. Es kommt aus dem Zimmer ihres todkranken Vaters Theodor. Sie bemerkt Qualm. Die 48-jährige Arzthelferin alarmiert die Feuerwehr. Ihren Freund schickt sie zu ihrem Vater, doch ihn erfasst Panik, als ihm im Zimmer Rauch und heiße Gase entgegenquellen. Er springt aus dem Obergeschoss, prallt auf ein Treppengeländer und bleibt mit gebrochenem Becken im Vorgarten liegen. Monika de Montgazon will zu ihm und öffnet die Haustür. Die heißen Pyrolysegase, die sich aus einer schwelenden Matratze im Krankenzimmer entwickelt haben, bekommen nun genügend Sauerstoff für eine bei Brandexperten gefürchtete Durchzündung. Eine Feuerwalze rast von oben nach unten durch den mit Kiefernholz vertäfelten Bungalow. Als die Feuerwehr eintrifft, steht alles in Flammen. Der Vater kann nur noch tot geborgen werden.

Der Todesfall "Theodor de Montgazon" war für Staatsanwalt Reinhard Albers zunächst Routine, eine von täglich zehn Leichensachen. Der Verstorbene hatte im Bett geraucht. Weil ihm schon öfter Zigaretten heruntergefallen waren, befand sich bereits ein Stück Linoleum vor seinem Bett. Dennoch untersuchte ein Brandermittler des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) die Ruine. Weil er keinen eindeutigen Brandherd ausmachen konnte, entnahm er gleichmäßig verteilt 17 Proben mit Brandschutt und brachte sie zum Institut für Polizeitechnische Untersuchungen. In 16 der Proben wies der forensische Chemiker Max Holl (Name geändert) Brennspiritus nach. Jemand musste das Haus in Brand gesteckt haben. Aber warum?

"Ich habe mir das Hirn zermartert", sagt der Staatsanwalt im Rückblick. Es war allein dieser Nachweis von Brennspiritus, der für die mögliche Schuld von Monika de Montgazon sprach. Schließlich sah Albers das Motiv im Zustand des Hauses begründet, das ewig nicht renoviert worden war, auf dessen Grundstück Ölfässer und ein altes Auto lagerten. "Dieses Haus in diesem Zustand wäre man nicht losgeworden – nicht für die Summe, auf die es versichert war."

Der Staatsanwalt weiß um die Tücken eines Tatmotivs: "Wenn man sich einmal festgelegt hat, ist es schwer, zu sagen: Nein, so war es doch nicht!" Er schrieb eine Anklage wegen Mordes und schwerer Brandstiftung. Und er sagt: "Wenn man unschuldig verurteilt wird, ist das grauenvoll."

Max Holl lacht schallend. Sein massiger Körper bebt, als der Pensionär die Zeilen liest, die er als forensisch-chemischer Gutachter in einer Stellungnahme damals für das Berliner Landgericht zum Mordprozess gegen Monika de Montgazon verfasst hat. "Das habe ich geschrieben? Das ist eine Fehlformulierung. Ich musste irgendwas Blödes zusammenschustern. Wer viel schreibt, schreibt auch viel Mist."

Von diesem und anderen "blöden" Sätzen ließ sich damals Staatsanwalt Albers überzeugen, der eigentlich nicht glauben wollte, dass eine Frau ihren todkranken Vater verbrennt, wenn sie gerade zu ihm gezogen ist, um ihn zu pflegen. Auch der damalige Richter stützte sich auf die Expertise dieses Gutachters, als er Monika de Montgazon im Januar 2005 wegen Mordes mit besonderer Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft verurteilte. Glücklicherweise erklärten er und seine Kollegen in ihrem Urteil nicht schlüssig genug, warum sie vor allem dem Chemiker Holl folgten und vier weiteren Gutachtern mit konträren Ansichten nicht. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf.

Am 2. April 2008 nahm Monika de Montgazon ein zweites Mal im Berliner Landgericht auf der Anklagebank Platz. Nach dem Vortrag der leitenden Brandsachverständigen des Bundeskriminalamtes blieben keine Fragen offen. In aller diplomatischen Deutlichkeit bescheinigte sie ihren Kollegen die komplette Fehlbeurteilung dieses Brandes – ein Versagen, das Monika de Montgazon für 888 Tage unschuldig hinter Gitter gebracht hatte.