Es läuft nicht gut. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sieht das. Sie steht an der Linie und gestikuliert. Holt Spielerinnen zu sich an den Spielfeldrand, um ihnen Anweisungen zu geben. Voss-Tecklenburg hat schon im Auftaktspiel der Deutschen gegen China Schwächen gesehen. In der darauffolgenden Partie gegen Spanien ist es nicht besser. Die Deutschen tun sich schwer mit dem Spielaufbau. Ein Einwurf in der eigenen Hälfte, bei dem die Deutschen gut zugestellt werden, reicht, um für totale Verunsicherung zu sorgen. Die Spielerinnen arbeiten sich in die Partie. Und Martina Voss-Tecklenburg arbeitet an der Linie. Sie stellt um, sie wechselt. Selten hat man einen Coach gesehen, der derart kreativ an der Seitenlinie agiert.

"Das war sicher nicht unser Spiel", wird Kapitänin Alexandra Popp nach dem glücklichen 1:0-Sieg im zweiten Spiel der WM-Gruppe B sagen. Seitdem liegt eine Frage über dem deutschen Team: Was ist eigentlich das Spiel der Deutschen? Das Team beantwortet die Frage mit seinen unsteten Auftritten bislang nicht. Und auch die Trainerin ist noch auf der Suche. Sie muss auch deshalb weiter experimentieren, weil Deutschlands beste Fußballerin Dzsenifer Marozsán wegen eines gebrochenen Zehs nach dem Spiel gegen China zunächst ausgefallen ist.

Die Fernsehfans zu Hause, von denen die meisten nur alle vier Jahre zu WM-Zeiten auf das Thema Frauenfußball stoßen, sind bei der Frage, was eigentlich das deutsche Spiel ausmache, ohnehin überfordert. Es wird ihnen auch nicht erklärt. "Na, geht doch!", sagt ARD-Kommentator Bernd Schmelzer nach einer gelungenen Aktion. Und weil die chinesische Torhüterin einen für ihn ganz witzigen Namen hat, sagt er nach dem 1:0 durch Neu-Bayerin Giulia Gwinn: "Bei Peng hat es Pang gemacht!"

Der Kommentator meint es gut mit dem Frauenfußball, er analysiert, als bräuchte das deutsche Team seine Hilfe. Derzeit meinen es ohnehin sehr viele Menschen wahnsinnig gut mit dem Frauenfußball – auch in der Debatte um gleiche Löhne und Prämien, die man den Frauen doch bitte schön zahlen solle. Wenn schon die Wirtschaft nicht dazu bereit sei, die bei einem Zuschauerschnitt von etwas über 800 dahindümpelnde Bundesliga aufzupeppen, dann solle zumindest der DFB als gemeinnütziger Verband in dieser Hinsicht ein Zeichen für Equal Pay setzen. Dann müssten die Frauen, sollten sie den Titel in Frankreich holen, je 350.000 Euro bekommen statt der vom DFB ausgelobten 75.000 Euro. Auf diesem Gebiet ist so mancher Kommentator diskurssicherer als bei der Frage, ob die 17 Jahre junge WM-Entdeckung Lena Oberdorf von der SGS Essen außen spielen sollte oder ob sie im zentralen Mittelfeld mit ihrer Robustheit mehr ausrichten kann. Aber wer interessiert sich schon wirklich für Kleinigkeiten?

Wenn es bei Gesprächen über Frauenfußball wirklich um Sport ginge, sollte das Land in diesen Tagen über nicht viel anderes sprechen als die Verletzung von Spielmacherin Dzsenifer Marozsán. Vielleicht gäbe es auch eine Debatte darüber, warum die Spielmacherin bis zu ihrer Verletzung im Spiel gegen China regelrecht abgetaucht war. Ist das nicht typisch Marozsán? Doch es fehlt der Maßstab. Marozsán ist bei Olympique Lyon, dem Club, mit dem sie dreimal die Champions League gewonnen hat, eine der Besten, so ist zu hören. Man weiß es aber nicht. Wer verfolgt schon die Champions League der Frauen? Daran sind im Zweifel ohnehin die Medien schuld, die dem Frauenfußball nicht genug Raum geben.

So schnell geht das. Was mit einer Diskussion über die taktische Ausrichtung und die spielerischen Fähigkeiten der deutschen Mannschaft beginnt, wird schnell zu einem Diskurs über den Status des Frauenfußballs in der Gesellschaft. Den ermüdenden Vergleich mit den Männern, die ach so viel besser und schneller kicken können, braucht es dabei noch nicht einmal. Der Frauenfußball ist Entwicklungsgebiet. Die Spielerinnen wissen das und versuchen bei Presseterminen und in der Mixed Zone nach den Spielen mit der gebotenen Ernsthaftigkeit über Sport zu sprechen.

Alles andere lächeln sie weg. "Tut der Kopf nach so vielen Kopfbällen eigentlich weh?", wird Alexandra Popp nach dem Spiel gegen Spanien gefragt. Statt dem Journalisten die Unverschämtheit seiner Frage klarzumachen, gibt sie dem Reporter eine einfache Antwort. "Das bin ich mittlerweile ja gewöhnt." Jetzt ist es sie, die den Reportern hilft. Sie weiß ja, dass die meisten, die jetzt bei der WM vor ihr stehen, nach einem Bundesligaspiel des VfL Wolfsburg noch nie etwas von ihr wissen wollten. Am Ende des Spiels gegen Spanien war sie als Ausputzerin vom Sturm nach hinten vor die Abwehr gerückt. Sie hat das im Club schon öfter gemacht. Darüber klärt sie gerne auf. Auch die Spielerinnen sind bei diesem Turnier auf Entwicklungsmission. Frauenfußball ist immer noch im Werden.

Aber da sind doch die Amerikanerinnen. Genau, Auftritt Team USA. Was für ein Tempo! Allzu schnell laufen müssen die Amerikanerinnen nicht bei ihren ersten beiden WM-Spielen gegen Thailand und Chile. Und doch ist zu sehen, dass da etwas anders ist als bei den anderen Teams. Das Laufspiel ist eingeübt. Die Pässe kommen an. Die Passhärte ist beeindruckend, die Athletik sowieso. Routiniert wehren sie Vorwürfe ab, sie hätten es beim 13:0 gegen Thailand mit ihrem Ehrgeiz übertrieben, und sie können es sich leisten, gegen Chile eine Anfangsformation aufs Feld zu schicken, bei der sechs Namen fehlen, die gegen Thailand bei Anpfiff auf dem Feld standen. Eine derartige Tiefe im Kader hat kein anderes Team. Es wird gepowert ohne Unterlass.