Es gibt in diesen Tagen kein Entrinnen vor der Weltmeisterschaft der Frauen in Frankreich. ARD und ZDF strahlen die Spiele der Deutschen zur Primetime aus, Zeitungen berichten opulent, auf Instagram und Facebook informieren unzählige Postings über die Aktivitäten der Athletinnen zwischen den Spielen. Die DFB-Elf ist neben der US-Mannschaft die erfolgreichste der Welt, sie wurde zweimal Weltmeister und achtmal Europameister. Eine beeindruckende Trophäensammlung, angehäuft in kürzester Zeit. Erst 1982 fand das erste Länderspiel der deutschen Fußballfrauen statt.

Die große Aufmerksamkeit gilt als Fortschritt in der Debatte um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Profisport. Doch ist das wirklich so? Die spielerische Qualität der Frauen steht jedenfalls nicht im Vordergrund. Statt ehrlicher Analyse der Defizite regiert oberflächlicher Partyjournalismus. Eine Zeitung präsentiert den Inhalt der Reisekoffer der Athletinnen, eine andere betitelt eine Bilderstrecke mit "So sexy sind Deutschlands Fußballfrauen".

Woher rührt die Hemmung, sich der WM fachlich zu nähern? Sonst mit dem Herrenfußball befasste Kollegen mosern diskret, die Frauenspiele seien eklatant langsamer und anspruchsloser als die Kickerei der Männer. Schier unmöglich sei es, die Darbietungen fair zu bewerten.

Die Spielerinnen haben sich immer noch nicht vom Männerfußball emanzipiert

Was wieder einmal klarmacht: Der Mann gilt auch 2019 noch als Maßstab im Fußball und die Frau als dessen ewige Ableitung. Und der Frauenfußball hat sich hierzulande noch nicht einmal dort von der Referenzgröße des Männerfußballs emanzipiert, wo er sich auf den ersten Blick besonders emanzipatorisch gibt – in dem viel beachteten Werbespot, den die Spielerinnen vor der WM von sich haben drehen lassen. In den aufwendig inszenierten 90 Sekunden wird nichts anderes verhandelt als der männliche Blick auf den Frauenfußball: "Wir brauchen keine Eier, wir haben einen Pferdeschwanz", verkünden die Spielerinnen trotzig – als ginge es wirklich noch darum, verbohrte Spießer zu überzeugen.

Ebenso falsch ist der Versuch, den Frauenfußball als Rammbock für feministische Reformen zu gebrauchen. Eine Diskussion über die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern ausgerechnet im Profifußball zu führen, dessen Gehaltsstrukturen im Männerbereich von einer entfesselten globalen Entertainmentbranche diktiert werden, zieht das berechtigte Anliegen besserer Bezahlung unnötig ins Absurde. Die Prämien zeigen die verrutschten Maßstäbe. Für den WM-Sieg gäbe es 75.000 Euro vom Verband, ein Viertel dessen, was die Männer erhalten hätten. Im Verhältnis zu den Einnahmen ist die Ausschüttung sogar höher. Ist das ungerecht?

Der starre Blick auf den Männerfußball führt bisweilen zu merkwürdigen Volten. Vor der WM kündigte Spiegel Online an, künftig statt der Bezeichnung "Frauen-WM" nur noch "WM" zu schreiben, schließlich sei es "keine andere Sportart als das, was die Männer machen". Doch, das ist es! Es ist eine eigene, faszinierende Sportart, deren Stärke sich gerade in der Andersartigkeit zeigt.

Will man den Frauenfußball wirklich stärken, bedarf es einer radikal neuen Ausrichtung und eines Selbstbewusstseins, sich als eigenständige Sportart zu verstehen. Wie das funktioniert, haben Tennis und Ski alpin vorgemacht, beides Sportarten, in denen die Physis von ähnlicher Bedeutung ist wie im Fußball. Hier wie dort richten sich die Rahmenbedingungen nach der körperlichen Leistungsfähigkeit. Weil diese bei Frauen geringer ist als bei Männern, spielen Damen im Tennis über zwei und nicht wie die Herren über drei Gewinnsätze. Und eine Abfahrtsstrecke der Frauen ist kürzer als die der männlichen Kollegen. Diese Rücksichtnahme ermöglicht den Sportlerinnen spektakuläre und hochwertige Auftritte.

Wer den Frauenfußball wirklich populärer machen will, muss darüber nachdenken, ob es nicht eigene Regeln braucht, ob nicht zum Beispiel das Spielfeld verkleinert oder die Spielzeit verkürzt werden sollte. Eine Frau ist nicht weniger wert, weil sie kleinere Schuhe trägt oder weniger Muskeln hat – sie ist anders. Ein derart reformierter dynamischer Frauenfußball würde womöglich auch die für jede Vermarktung wichtigste Zielgruppe der Fernsehzuschauer erreichen, die 14- bis 49-Jährigen. Bei den WM-Spielen in Frankreich schaut derzeit überwiegend eine ganz andere Gruppe zu: Männer über 65 Jahre.