Teheran 1971: Per Zufall war Hans-Jürgen Heinrichs in eine Begräbnisgesellschaft geraten, in einen Kreis alter Frauen, die sich ekstatischen Klagegesängen hingaben und dabei Teegläser und Zigaretten zirkulieren ließen, die der Ethnologe höflich ablehnte. Als Fremdem schien ihm Zurückhaltung geboten. Die wohlmeinende Geste wurde ihm aber als Affront ausgelegt: als Überheblichkeit dem Ritual gegenüber und Missachtung der Gastfreundschaft. Jahre später in Mali verhielt er sich forscher und machte es wieder falsch. Bei einem Fest mit bunt geschminkten Einheimischen "tanzten die Männer werbend auf die Frauen zu, die so taten, als schauten sie gleichgültig weg, in Wahrheit aber jeden Tänzer genau taxierten. Ich missverstand die Blicke, die mir die Männer und auch die Frauen zuwarfen, als Aufforderung mitzutanzen, als Gesten der Verführung", die jedoch nur distanzierte Neugierde signalisierten. "Als ich auf die Frauen zutanzte, zerstörte ich alles: die Freundschaft mit den Männern und die schüchterne Leichtigkeit mit den Frauen."

Leichtigkeit, Freundschaft, Verführung – man blickt wehmütig auf solche Vokabeln, so schlecht passen sie ins frostige Register, in dem heute über Fremdheitserfahrungen von und mit Migranten debattiert wird. Diese stehen im Zentrum von Hans-Jürgen Heinrichs’ Buch Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart – ein ebenso aktueller wie aus der Zeit gefallener Essay. Der empathische Perspektivenwechsel ist Heinrichs’ Anliegen und Methode zugleich, daher die Schilderungen der eigenen Fremdheitsmomente. Wenn es schon einem reisenden Ethnologen so ergeht, fragt sich Heinrichs, wie viel komplizierter sei dann wohl die Situation eines Geflüchteten, der nun dauerhaft "sowohl Teil seiner Traditionen als auch unserer Gesellschaft sein möchte".

Als Ethnologe hat der heute 73-jährige Heinrichs mehrere Bücher geschrieben, er hat Werkausgaben der Ethnologen Michel Leiris und Victor Segalen herausgegeben, Biografien über Claude Lévi-Strauss, Georges Bataille und Leo Frobenius sowie Gesprächsbände, zum Beispiel mit Peter Sloterdijk.

Es sind Denktraditionen der 68er, die Heinrichs gegen die von ihm beklagte Brutalisierung der Debatte in Stellung bringt. Der Fremde komme weniger als Individuum zur Sprache als in der abstrahierten Gestalt invasiver Flüchtlingsströme, als Bedrohung des in seiner eigenen Existenz stets selbstgewissen Gegenübers. Für Heinrichs ein pathologischer Befund. Wir schlössen den Fremden stets "in dem Maße aus, in dem wir die Fremdheit aus unserer Selbstwahrnehmung ausschließen". Der Fremde sei aber "ein Alter Ego eines jeden Menschen".

Gesellschaftlich sei nicht Leugnung, sondern Anerkennung des Fremden die Voraussetzung dafür, dass die Konfrontation mit ihm nicht in Hass umschlage. Kein schlichter Verständigungsappell: Die Ethnologie weiß von afrikanischen Exerzitien, bei denen rituelle Scheinkämpfe und Maskenspiele zum Spannungsausgleich benachbarter Völker führen. Vielleicht auch eine Frage des Sportsgeistes.

Man merkt diesem eher mäandernden Essay an, dass hier ein Denken im jahrzehntelangen Lesen und Zuhören entstanden ist. Heinrichs erzählt Erlebtes und berichtet von intellektuellen Weggefährten. Dass das Dialogische auf Kosten zugespitzter Thesen geht, passt zum Geist seiner unbeirrt ins Offene weisenden Haltung.

Hans-Jürgen Heinrichs: Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart. Antje Kunstmann, München 2019; 247 S., 22,– €