Auch ein freiwilliges Votum kann sich unfreiwillig anfühlen. So wie bei der Frau, die am Sonntag auf der Wahlparty von Octavian Ursu steht, dem zukünftigen CDU-Oberbürgermeister von Görlitz, und die sich gar nicht recht freuen kann. Warum sie Ursu gewählt habe? "Es ging darum, das Schlimmste zu vermeiden", sagt sie.

Das ist ein Satz, der schon sehr viel verrät über diese Wahl, die am Wochenende die Republik beschäftigte. Sebastian Wippel von der AfD unterlag seinem Kontrahenten Octavian Ursu von der CDU. An der Oberfläche heißt das, dass die Republik dem ersten AfD-Oberbürgermeister in einer Großstadt entgeht. Das aber gelang nur mit einem blauen, sozusagen AfD-blauen Auge.

Denn was alle ebenso wissen, ist: Dieser Sieg fällt nicht so deutlich aus, wie er hätte ausfallen müssen – angesichts der breiten Unterstützung, die Ursu im zweiten Wahlgang erfahren hat. Grüne, Linke und SPD hatten zur Wahl des CDU-Kandidaten aufgerufen (und zu seinen Gunsten verzichtet), außerdem diverse Bürgerbündnisse. Sogar Hollywood-Filmemacher schickten einen Soli-Brief, in dem sie zur Nichtwahl des AfD-Kandidaten mahnten, weil Hollywood gerne Filme in Görlitzer Kulisse dreht.

Das führte am Ende dazu, dass der CDU-Kandidat 55 Prozent der Stimmen gewann. Die AfD holte 45. Was zeigt, wie brenzlig die Lage in Sachsen, in Teilen Ostdeutschlands ist. Es gibt einen Vorgeschmack darauf, was nötig sein kann, um gegen die AfD zu bestehen: Nur wenn alle gegen einen kämpfen, reicht es noch zum Regieren? Ist das ein Ergebnis, mit dem Sachsens CDU zufrieden sein kann?

Das kann man Octavian Ursu selbst fragen. Am Sonntag, kurz nach der Verkündung seines Sieges, steht er auf dem Untermarkt, einem Platz im Herzen von Görlitz: Kopfsteinpflaster, Renaissance-Fassaden, Inglourious Basterds wurde hier gedreht. Ursu ist umringt von Menschen. Auf die Frage, ob er zufrieden sei, antwortet er nicht direkt. Er sagt: "Ich habe gewonnen." Wenn nur noch das Ob zählt, und nicht mehr das Wie – dann muss die Erleichterung ziemlich groß sein. Ursu sagt: "Es ging am Ende nicht um zwei Personen, zwei Kandidaten. Es ging darum, ob wir eine Europastadt bleiben oder uns abschotten."

Das ließe sich als Bescheidenheit werten. Es ist aber auch ein Eingeständnis: Die Menschen stimmten nicht unbedingt für ihn, Ursu. Sie stimmten gegen die AfD. Es ging nicht um Personen. Sondern um die Frage, wie man sich zur AfD verhält.

Das wiederum sagt viel über die Kraft der AfD in Görlitz aus, der Heimatstadt des CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Und über die Schwäche der CDU. Dass Annegret Kramp-Karrenbauer, die CDU-Bundesvorsitzende, am Sonntag einen Tweet absetzte, in dem sie behauptete, die CDU habe Görlitz gewonnen, weil sie "die bürgerliche Kraft gegen die AfD" sei, empörte alle, die es besser wussten: Dieser Sieg gehört Linken, Grünen, SPD und CDU zugleich.