Seit ihrer Gründung im Jahr 1980 und ihrer Wahl ins Parlament drei Jahre später ist das Verhältnis der Grünen zu den Kirchen ambivalent und keineswegs so klar bestimmbar wie bei den übrigen Parteien im Bundestag. Die SPD und die Linken sind wegen ihrer sozialistischen Tradition eher kirchenfern. Ebenso die Freien Demokraten, die sich auf einen humanistisch-liberalen Geist berufen, während die christdemokratischen Parteien das C im Namen führen. Dennoch gibt es wohl keine politische Vereinigung, die so viele unvermutete Überschneidungen zum christlichen Wertekodex aufweist wie die Grünen.

Wo sie sich ähnlich sind

Frieden:Die Grünen sind eine Sammlungsbewegung aus der Friedensbewegung und der Antiatomkraftbewegung der 1970er-Jahre. Im Frühjahr 1978 gründete sich, als noch niemand an die Grünen dachte, in Mannheim die ökumenische Friedensbewegung "Ohne Rüstung Leben", die sich für eine weltweite Abrüstung einsetzte. In der DDR entstand vier Jahre später, also 1982, die von Robert Havemann und Rainer Eppelmann gegründete Organisation "Frieden schaffen ohne Waffen". Frieden ist eines der christlichen Kernanliegen schlechthin. Und so ist es nur folgerichtig, dass viele der politischen Akteure, die bei den Grünen eine Heimat finden sollten, vom christlichen Pazifismus geprägt waren. Sie stießen in der neuen Partei auf Friedensfreunde der marxistischen Tradition, die sich auf Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Bertha von Suttner beriefen. Liebknecht und Luxemburg stimmten vor Anbruch des Ersten Weltkriegs als einzige Partei gegen die Kriegskredite.

Umwelt: Die Schöpfung zu bewahren zählt ebenfalls zu den christlichen Grundwerten. Doch sowohl die Kirchen als auch die sozialistische Ideologie taten sich schwer damit, diese biblische Vorgabe in ethisches Handeln umzusetzen. In 1. Mose 1,28 liegt das Verhängnis: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan, und herrschet über Fische und Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht", heißt es da. Dieses anthroprozentrische Selbstbild wurde zum Freibrief für die schonungslose Ausbeutung der Erde, der das heutige weltweite ökologische Desaster zuzuschreiben ist. Und auch die Linke teilte in ihrem fanatischen technischen Fortschrittsglauben diesen fatalen Trugschluss.

Der Satz, dass wir die Erde, wie es in einer der allerersten Grünen-Parolen hieß, "von unseren Kindern nur geborgt" hätten, ist letztlich ein Import aus der US-amerikanischen Hippiebewegung der späten 1960er-Jahre, die sich der Weisheit indianischer Stämme öffnete und Naturreligionen zuwandte. Die einst so tödlich zerstrittenen Marxisten, Trotzkisten und Maoisten, die sich bei den Grünen wiederfanden, haben sich wiederum mächtig von ihrer alten kommunistischen Dogmen lösen müssen, wenn sie nun von diesem Fortschrittswahn abrückten.

Und was die Christen angeht: 2017 fand in Hofgeismar eine Tagung statt, auf der der ökologische Theologe Jürgen Moltmann und andere eine "grüne Reformation" forderten, die sich vom Anthropozentrismus theologisch verabschiedet. Im Alltag praktizieren die katholische und evangelische Kirche es längst – nicht nur mit Papphockern und Bioessen auf Kirchentagen und Katholikentreffen.

Fairtrade: Von Anfang an sehen Grüne und Kirchen den Menschen nicht unter ökonomischen Verwertungsgesichtspunkten, sondern als Erdbewohner unseres schützenswerten Blauen Planeten. Das Bild von "Mother Earth" ist durchaus kompatibel mit dem christlichen "Gottvater", der uns die Schöpfung schenkte. Die zunächst noch als "Dritte-Welt-Läden" bezeichneten Fairtrade-Initiativen der Kirchen heißen inzwischen "Eine-Welt-Läden". Der schonende Umgang mit Ressourcen und die damit verbundene Kritik an der Verschwendung in einer konsumorientierten Welt gehören ohnehin zum Genpool der Grünen. Das passt also.

Migration: Fremdlinge lieben, weil wir selbst Fremdlinge gewesen sind, heißt ein mosaisches Gebot: Der kennt keine Grenzen, der den Bewohnern unseres Planeten zu einem menschenwürdigeren Leben nach Kriegen oder Pauperisierung verhelfen will. Überdies setzten sich die Grünen wie die kirchlichen Hilfsdienste für eine nachhaltige Entwicklungspolitik in den Herkunftsländern ein, dass die Bewohner dort menschenwürdig existieren können.

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Wo sie sich trennen

Lebensschutz: Auch wenn es, was den Erhalt des Lebensschutzes in der Natur angeht, durchaus Kongruenzen gibt, existiert bei der Frage der Abtreibung ungeborenen Lebens eine klare Abgrenzung. Sie stammt noch aus der Frauenbewegung der Achtundsechziger-Ära, wo das Recht auf Selbstbestimmung des weiblichen Körpers im Pillenstreit gegen die katholischen Kirche unter Papst Paul VI. durchgekämpft wurde.

Gender: Auch bei der Selbstbestimmung der eigenen Geschlechtsidentität und Sexualität sehen sich die Grünen als Lobby für lesbische, schwule, bi- und transsexuelle, transgender und queere Menschen, die sich unter dem Label LGBTQ gegen Stigmatisierung wehren. Damit geraten sie in Konflikt zu dem Menschen- und Familienbild konservativer Christen, nach deren Selbstverständnis Gott Mann und Frau schuf, dass sie Nachkommen in die Welt setzen. Wenn sich beide Konfessionen inzwischen mit diesen neuen Identitätsformen auseinandersetzen, ist das mit den Grünen zu verdanken.

Religionsunterricht: 2009 votierte der Berliner Landesverband von Bündnis 90/Die Grünen gegen das Volksbehren "Pro Reli", das einen nach Konfessionen geordneten Religionsunterricht forderte. Er plädierte stattdessen für die Einführung des Pflichtfachs "Ethik". Zentrale Idee der Grünen dabei: christliche, jüdische, muslimische und konfessionslose Kinder sollen nicht mehr nach ihrem Glauben separiert werden, weil das der Integration im Wege steht.

Kirchliches Arbeitsrecht: Da sich Kirchenmitarbeiter nicht gewerkschaftlich organisieren dürfen, weil die Kirchen als Tendenzbetriebe auf ihrer Sonderstellung beharren, plädieren die Grünen für eine Änderung des Betriebsverfassungsgesetzes. Streik soll erlaubt sein, wenn der Staat mehrheitlich den kirchlichen Träger finanziert.

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Vereinte Verschiedenheit

Flügel: Jahrzehntelang bestimmte der Streit zwischen "Fundis" und "Realos" die Geschicke der Partei. Aus ihrer Geschichte der Linken und ihrer Aufspaltung im Sektierertum Ende der 1970er-Jahre haben die Grünen aus Fehlern gelernt. Sie etablierten ein Rotationsprinzip, das der Öffentlichkeit in rascher Abfolge neue Führungen bescherte.

Streit: Als im Kosovo-Krieg 1999 die Grünen unter Außenminister Joschka Fischer auf Anraten des französischen Grünen Daniel Cohn-Bendit das Nato-Bombardement unterstützten, traten viele Linke aus der Partei aus. Die Pragmatiker haben seither die Oberhand. Sie träumen das Machbare. Zu Beginn der Grünen war das noch anders. Da tummelte sich ein bunter Haufen: Ex-Trotzkisten, Alt-Maoisten, Jung-Christen, enttäuschte Sozialdemokraten, aber auch völkische Naturmystiker vom Schlage eines Baldur Springmann, der dann ins rechtsradikale Spektrum abwanderte. Bereits deutlich vor der Gründung der Grünen hatten sich die alten Veteranen linker Splittergruppen in Berlin zur Alternativen Liste zusammengefunden, seit 1978 vertraten sie in der geteilten Stadt die ökologischen Belange, bis sie dann 1992 mit den Grünen und Bündnis 90 aus dem Ostteil der Stadt fusionierten. Bis zum Kosovo-Krieg sah es so aus, als bestimmten die Linken das Programm der Partei. Jutta Ditfurth, Jürgen Trittin, Hans-Christian Ströbele, Renate Künast und Claudia Roth zählten zu deren exponiertesten Köpfen. Auch Winfried Kretschmann war diesem Spektrum zuzurechnen. Petra Kelly und Gert Bastian wurden zu Ikonen der Abrüstungsbewegung. Ihr Pazifismus hatte stark christliche Bezüge. Der ehemalige Maoist Kretschmann wurde nicht zuletzt zum Landesvater des konservativen Landes Baden-Württemberg gewählt, weil er Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist. Das zeigt, wie wandelbar diese Partei ist.

Christen: Der Nobelpreisträger Heinrich Böll machte aus seinem kritischen Christsein keinen Hehl, als er in die Partei der Grünen eintrat. Die Stiftung der Grünen ist nach ihm benannt. Auch das ist ein Zeichen. Politikerinnen wie Katrin Göring-Eckardt (Mitglied in der EKD) haben mit ihrer Nähe zum Protestantismus die Partei geprägt. Sie wirken wie ein Gegengewicht zu den religionsfernen grünen Machiavellis, dem ehemaligen RAF-Anwalt und SPD-Politiker Otto Schily oder dem Ex-Sponti-Rebellen Joschka Fischer. Otto Schily und Joschka Fischer haben eher bei Lenin als bei Luther nachgelesen, wie Regieren geht.

Dass die Grünen dann doch kirchlicher wurden, hat ganz sicher mit der Fusion der Grünen mit dem "Neuen Forum" zu tun. Sie war eine DDR-Bürgerbewegung, die, von der Stasi beobachtet, unter dem Dach der evangelischen Kirche maßgeblich zur friedlichen Revolution beitrug.

Bündnis 90: Wie Veränderung doch machbar ist – das zeigte sich auch im späteren Atomausstieg und der Abschaffung des Pflichtwehrdienstes. Diese Erfahrung resultiert letztlich aus dem Zusammenspiel zwischen Kirche und Bürgerrechtsbewegung in einer kurzen Phase der deutschen Geschichte um 1989.

Die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler und Joachim Gauck, Rainer Eppelmann, Richard Schröder und nicht zuletzt Friedrich Schorlemmer, der die Friedensinitiative "Schwerter zu Pflugscharen" in Wittenberg initiierte, waren entweder Theologen oder kirchenaffin. Auch wenn sie nicht alle den Grünen beitraten, waren sie doch letztlich identitätsstiftend für die weitere Entwicklung der Grünen, wie sie sich heute präsentieren.

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Ausblick

Dass die Grünen ihre kirchliche Ader nie veröden ließen, lag auch an der "Bundesarbeitsgemeinschaft Christinnen und Christen" (BAG). Seit 1984 versucht sie, das christliche Potenzial der Grünen herauszustellen und den interreligiösen Dialog nach außen zu führen. Ihre Plattform dafür waren immer auch die Kirchentage.

Diesen Freitag kam es zu einem denkwürdigen Treffen zwischen Reinhard Kardinal Marx und Robert Habeck. Lange Zeit waren sich Grüne und Klerus spinnefeind. Die Ökopolitiker wurden bis 1990 nicht zu Katholikentagen eingeladen. Unter Franziskus fällt der Dialog leichter. – "Die inhaltlichen Schnittmengen sind beachtlich", wird der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in einer Meldung der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zitiert. Auf der Glut der Klimakrise lassen sich neue Bündnisse schmieden.

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