Oft sind ja die Bücher besonders spannend, die man von ihren Verfassern nicht erwartet hätte. Wenn Margot Käßmann über Mode, Styling und Luxusschuhwerk schriebe, und zwar ohne den klitzekleinsten Ratschlag, wie dem Konsumdenken westlicher Wohlstandsgesellschaften zu widerstehen sei – das hätte was. Wie sie über Mitmenschlichkeit denkt, dürfte feststehen. Zweifellos ein bedeutsames Thema, das es deshalb verdient, von einem Geist beleuchtet zu werden, von dem man es nicht unbedingt erwartet hätte.

Es ist der Geist von Else Buschheuer. TV-Moderatorin, Kolumnistin, Romanautorin, Essayistin mit extravaganter Optik und dem Image der schlagfertigen, leicht schrillen, sarkastischen, irgendwie popliterarischen, gescheiten Unterhaltungsfachkraft. Diese Else Buschheuer hat ein Buch übers Helfen geschrieben. Es heißt Hier noch wer zu retten? und gehört womöglich zum Besten, was in den vergangenen Jahren über die Kultur der Barmherzigkeit zu lesen war, und da gab es aus zeitpolitischen Gründen einiges.

Buschheuer moralisiert und missioniert nicht. Ihr Text hat nicht den mahnenden Sound eines Spendenaufrufs. Er bemängelt auch nicht die Lebenseinstellung von Leuten, die lieber ein paar Zimmer in ihrer Wohnung leer stehen lassen, anstatt ein paar Flüchtlinge aufzunehmen. Buschheuer erzählt von Menschen, die der Hilfe bedürfen, von Obdachlosen, Verarmten, Erkrankten, Sterbenden. Und von Orten, die sich aus der Praxis des Helfens definieren, Obdachlosenküchen, Demenzstationen, Altenheimen, Hospizen.

Aber die Fragen, die aus den konsequent sachlichen, unsentimentalen Schilderungen hervorgehen, richten sich an die Autorin selbst. Warum engagiert sie sich bei der Bahnhofsmission? Was hat ihr Drang zum Helfen mit ihrer biografischen und familiären Prägung zu tun? Welchen seelischen Profit zieht sie aus der Helferei? "Steht am Ende nur ein verkümmerter Paarungswunsch dahinter?" Kurzum: Else Buschheuer befasst sich mit ihrem stark ausgeprägten Helferimpuls.

Folglich ist ihr Buch ein Selbsterkundungsbericht und besitzt als solcher einen guten Schuss Egozentrik. Diese allerdings gilt als die schärfste Opponentin altruistischen Handelns. Entweder man gehorcht den eigenen Bedürfnissen oder denen der Mitmenschen. Das eine Extrem geht in Richtung Paris Hilton, das andere heißt Mutter Teresa. Der Ansatz, den Else Buschheuer wählt, ist deshalb so produktiv, weil er diesem lähmenden Antagonismus nicht gehorcht. Er befreit die Idee des Helfens vom normativen Druck. Und jeder weiß und hat erlebt, dass genau dieser Druck dem Helfen im Weg stehen kann. Else Buschheuer räumt ihn frei.

Else Buschheuer: Hier noch wer zu retten? Heyne Verlag, München 2019; 269 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €