"Mit Nettsein kommen wir nicht weiter"

Was immer passieren wird in den nächsten Wochen – diese Bilder werden sich einbrennen ins Gedächtnis der Stadt: Hongkong brodelt, Hongkong tobt, Hongkong jubelt. Mit jeder Minute drängen Tausende in der Mittagshitze auf die Harcourt Road, unter der Fußgängerbrücke zum Regierungskomplex geben Taxifahrer Hupkonzerte, Busfahrer halten mitten in der Spur an, damit Passagiere sich spontan dem Protest anschließen können. Am frühen Sonntagnachmittag haben die Demonstranten die umliegenden Wolkenkratzer umschlossen wie ein dunkles Meer: Hongkong trägt Schwarz, schwarz für die Trauer um einen Aktivisten, der am Abend zuvor tödlich verunglückt ist. Schwarz für die Wut gegen Carrie Lam, die Regierungschefin, für die Wut gegen Peking. Schwarz für fünf Jahre angestaute Ohnmacht, Angst und Enttäuschung. All das entlädt sich nun in diesen Tagen. Hongkong demonstriert sich in einen regelrechten Rausch.

Jonathan Kung, 21, Kommunikationsstudent, ein Hüne mit Baseballmütze und militärgrünem Rucksack, schiebt sich mit der Menge in Richtung Tamar Park, um das Gebäude des Legislativrates einzukreisen. Wie viele hier erlebt er ein Déjà-vu: 2014 war er Teil der "Regenschirm-Bewegung", die 79 Tage lang den Finanzdistrikt lahmlegte, weil Peking den Bürgern der Insel vorschreiben wollte, wer für das Amt des Verwaltungschefs kandidieren darf.

Kung kampierte zwei Wochen am selben Fleck, wo er jetzt inmitten von Sechzehnjährigen mit Zahnspangen, Eltern mit Kinderwagen, Großmüttern, Pfarrern und Hipstern steht. Es ist wie damals: Die "John-Lennon-Mauer" mit den bunten Protestnotizen ist wieder da. Die Angehörigen des Kirchenchors, die seit Tagen bis ins Morgengrauen hinter der Polizeiabsperrung "Sing Hallelujah" schmettern. Die stadtberühmte Siebzigjährige, die die Flagge des Union Jack schwingt.

Zwischen 338.000 und zwei Millionen Menschen sind auf den Beinen, je nachdem, ob man der Polizei oder den Organisatoren glaubt. Sicher aber sind es die größten Demonstrationen, die Hongkong seit Jahrzehnten erlebt – noch größer als der Marsch am Sonntag in der Woche zuvor. Dem folgte vergangenen Mittwoch ein Angriff der Polizei mit Tränengas und Gummipatronen auf maskierte junge Aktivisten, die sich ihrerseits mit Plastikgeschossen und Blockaden wehren. Fünfzehn Demonstranten wurden verhaftet, die Behörden ließen Studentenwohnheime durchsuchen und sprachen von einem "Aufstand".

72 Stunden lang hielt die Stadt den Atem an, bis Verwaltungschefin Carrie Lam den Stein des Anstoßes beiseiteräumte: Ihren umstrittenen Gesetzentwurf, der die Auslieferung verdächtiger Personen nach Festland-China erlaubt hätte. Wäre er wie geplant am 20. Juni verabschiedet worden, hätte das den unbegrenzten Zugriff chinesischer Behörden auf Hongkong und damit den Tod der Rechtssicherheit bedeutet. "Ein Land, zwei Systeme", die Erfindung Deng Xiaopings, die der ehemaligen britischen Kronkolonie bis 2047 Sonderrechte zugesichert hat, wäre am Ende gewesen.

Der Gesetzentwurf ist nun "temporär suspendiert". Doch kaum jemand glaubt derzeit daran, dass er wieder hervorgeholt werden kann, am wenigsten vermutlich Lam selbst, die das Kunststück zustande brachte, die gesamte Stadt gegen sich aufzubringen und die kommunistische Führung zu verärgern. Peking hatte den Gesetzentwurf zwar begrüßt. Die Idee aber war von Lam gekommen, die sich damit – so ist aus verschiedenen Quellen zu hören – in vorauseilendem Gehorsam eine zweite Amtszeit sichern wollte. Laut Hongkonger Medien wurde sie dann aber von Peking zurückgepfiffen.

Denn die Massenproteste haben Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping inmitten des aufziehenden Großkonfliktes mit den USA und eigenen Konjunkturproblemen ein gewaltiges Dilemma beschert. Einerseits fürchtet die Partei Hongkong seit je als Keimstätte subversiver Ideen, deren Funken auch auf das Festland überspringen könnten. Genau deswegen hatte Carrie Lam offenbar den Einsatz von Tränengas und Gummipatronen angeordnet. Opposition im Keim zu ersticken ist der Modus Operandi Pekings. Anders aber als etwa in der uigurischen Unruheprovinz Xinjiang, wo der Zensurapparat jede Berichterstattung verhindert, gingen die Bilder aus Hongkong um die Welt. Eine noch härtere Gangart würde einen internationalen Aufschrei hervorrufen, den Peking sich gerade nicht leisten möchte. Nicht zuletzt hätte das Auslieferungsgesetz Hongkong als Finanz- und Wirtschaftsstandort beschädigt. Denn noch immer fließen viele Auslandsinvestitionen nach China durch die Sonderverwaltungszone.

Eine Ironie der gescheiterten Gesetzesinitiative besteht darin, dass neben den vielen jungen Leuten auch Hongkongs sonst eher Peking-treue Unternehmer und Milliardäre hinter dem Protest stehen. So gut wie jeder von ihnen ist in unsaubere Geschäfte verwickelt und hätte nach Verabschiedung des Gesetzes fürchten müssen, bei der nächsten Anti-Korruptionswelle der chinesischen Justiz an das Festland ausgeliefert zu werden.

Zu vieles ist in den vergangenen Jahren ins Rutschen gekommen

Und doch geht es jetzt um mehr. Die Demonstranten geben sich mit dem Einlenken Lams nicht mehr zufrieden. Auch nicht, als diese sich am Sonntagabend für das brutale Vorgehen der Polizei entschuldigt. "Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen", sagt Jonathan Kung, zu oft habe die Regierung in den letzten Jahren Versprechen gebrochen. "Step down! Step down! Step down" – Carrie Lam, tritt zurück! –, skandieren er und andere, und wieder harren am Montag Tausende über Nacht vor dem Regierungsgebäude bis in die Morgenstunden aus. Der vorläufige Stopp des Auslieferungsgesetzes ist ein Riesenerfolg, der sich nun anfühlt wie ein Anfang. Aber ein Anfang von was?

Um Carrie Lams Versagen geht es nur noch vordergründig. Tritt sie ab, wird Peking einen ebenso KP-hörigen Nachfolger bestimmen. An den Machtverhältnissen ändert ihre Personalie nichts. Der Traum der Regenschirm-Bewegung vor fünf Jahren von wirklich demokratischen Verhältnissen scheint unerreichbarer denn je, das wissen die Protestierenden: Kaum einer nimmt in diesen Tagen Forderungen nach freien Wahlen in den Mund. Die Organisatoren hangeln sich von Stunde zu Stunde, rufen für jeden Tag neue Streiks und Blockaden aus. Die Bewegung soll bloß nicht wieder einschlafen wie 2014. Damals zerfielen die Demonstranten in Fraktionen: Die einen wollten eine Erneuerung des Wahlrechts, andere die volle Unabhängigkeit Hongkongs, manche auch nur feiern. Jetzt ist die Energie wieder da, wuchtiger als je zuvor, und trotzdem wirken die Proteste wie ein letztes Aufbäumen von Bürgern, die nicht wissen, wie lange ihnen die Versammlungs- und Meinungsfreiheit noch bleibt. Zu vieles ist in den vergangenen Jahren ins Rutschen gekommen.

Hongkonger Buchhändler, die auf dem Festland verbotene Enthüllungsbücher verkauften, wurden nach China entführt und vor Gericht gestellt. Einheimische Reporter berichten von zunehmendem Druck und Selbstzensur. Im Hongkonger Legislativrat, dem Gesetzgebungsorgan der Stadt, übt Peking immer mehr Einfluss aus und unterstützt mit Stimmenkauf und krummen Wahlkampfmethoden die ihr treue Mehrheitsfraktion. Unliebsame Anführer der Regenschirm-Bewegung, die bei vergangenen Wahlen Abgeordnetensitze gewannen, wurden durch Carrie Lams Regierung unter fadenscheinigen Begründungen disqualifiziert. Hongkonger Wirtschaftsführer überweisen großzügige Spenden an den Peking-treuen Flügel auf der Insel. Sie suchen die Nähe zur Führungselite in China, im Gegenzug schachern ihnen Parteikader auf dem Festland lukrative Aufträge zu. Wer von der Parkpromenade vor dem runden Legislativratgebäude in den Himmel schaut, sieht in klaren Nächten den roten Stern am örtlichen Quartier der Volksbefreiungsarmee leuchten, gleich dahinter strahlen in Neonschrift die Firmenlogos der internationalen Hochfinanz auf Glastürmen: Die Kraftverhältnisse Hongkongs in einem Bild.

Zehn Kilometer nördlich im Stadtteil Kowloon hat Nathan Law, ehemals Anführer der Regenschirm-Bewegung, sein Lager in einer alten Industrieanlage aufgeschlagen. Ein Lastenaufzug führt in den siebten Stock, hinter einem rostigen Schiebegitter betritt man die Räume von Demosisto, seiner neuen Organisation. Demosisto ist bislang weder als NGO noch als Firma oder Partei registriert, das wissen die Behörden zu verhindern. Laws Gruppe hat nicht mal ein Konto. Er ist 25, mit seinem verwuschelten Seitenscheitel und dem Ringelshirt sieht er aus wie ein Barista in einer dieser Kaffeeläden, wo man zwischen Bio-Bohnen aus Äthiopien und Kolumbien wählen kann. Auf den Tischen im Demosisto-Büro stapeln sich angebrochene Instantnudelbecher zwischen Zeltstangen und Megafonen, an der Wand lehnt ein vollgekritzeltes Clipboard: der Schlachtplan von vergangenem Sonntag.

Law stand 2014 an vorderster Front mit Joshua Wong, dem damals 17-jährigen Gesicht der Regenschirm-Bewegung. Heute ist Demosisto nur eine von 50 Gruppierungen, die die Hongkonger auf die Straßen rufen, keine von ihnen habe wirklich das Sagen: "Wir haben unsere Lektionen gelernt", sagt Law, die Organisation funktioniere diesmal dezentral und spontan. Tatsächlich verteilen sich Aufrufe und Taktikmemos diesmal auf Dutzende Chats in der verschlüsselten Nachrichten-App Telegram und in Reddit-Foren. Natürlich ziehen dennoch im Hintergrund einige die Strippen, auch wenn das niemand zugeben will. Denn alle sichtbaren Führer von 2014 wurden später inhaftiert, wie auch Law: 2017 saß er zwei Monate in einer Gefängniszelle mit 20 Männern ein, im selben Jahr wurde er als gewählter Abgeordneter aus dem Legislativrat ausgeschlossen. Die Anonymität bietet diesmal Schutz vor der Polizei. Der Charakter der Bewegung hat sich gewandelt, sie ist düsterer geworden. "2014 ging es uns um Utopia, heute bewegen wir uns in einer Kampfzone", sagt Law. Dazu passt das Motto der diesjährigen Proteste, ein brillantes Spiel mit der chinesischen Sprache: #fansongzhong heißt wörtlich übersetzt "gegen die Auslieferung nach China". Tauscht man das letzte Zeichen aus, bedeutet es so viel wie "Schickt Verwandte nicht in den Tod".

Geschätzt ein Drittel der protestierenden Jugendlichen ist so jung, dass sie in diesen Tagen wohl zum ersten Mal demonstrieren. Auch Law hat die plötzliche Politisierung einer neuen Generation überrascht. Er selbst habe sich nach der zweieinhalbmonatigen Belagerung 2014 unendlich erschöpft gefühlt, manche Mitstreiter seien depressiv geworden, viele hätten sich ganz aus dem Aktivismus zurückgezogen. Heute beschränken sich die Anführer von damals darauf zu moderieren, alle Ansichten sind erlaubt, keine Methode ist grundsätzlich ausgeschlossen.

Polly, 22, Zahnspange und Blümchenrucksack, hat wie viele die Strategie der Gelbwesten in Frankreich studiert. Keine kräftezehrenden Belagerungen mehr, stattdessen konzertierte Einzelaktionen mit Pausen zum Auftanken. Auch Gewalt findet sie unter Umständen okay, ihren Nachnamen will sie darum lieber nicht in einer Zeitung lesen. "Mit Hallelujah-Gesängen und Nettsein allein kommen wir nicht weiter", sagt sie. Ähnlich sieht es Jonathan Kung, der in der vergangenen Mittwochnacht der Polizei in vorderster Linie gegenüberstand. Dass Regierungschefin Carrie Lam aus Angst vor weiteren Straßenschlachten einknickte, gebe den Jugendlichen recht, finden manche Ältere. Kung berichtet von WhatsApp-Nachrichten früherer Lehrer: "Wir haben versagt, wir waren in unserer Jugend nicht radikal genug. Vergebt uns, dass ihr jetzt leiden müsst."

Andere wie die 62-jährige Claudia Mo, eine der dienstältesten Politikerinnen, hofft, dass "wir Schritt für Schritt, nebenbei und heimlich wieder eine Demokratiebewegung aus dieser neuen Entschlossenheit machen können".

Jonathan Kung, der Student, schüttelt da nur den Kopf. "Wir haben keine Pläne", sagt er. "Erst einmal zögern wir unsere Hinrichtung hinaus."