Das "Abbild der Menschheit". Naksch-e Dschahan. So hatten die Erbauer Ende des 16. Jahrhunderts diesen gigantischen Platz in Isfahan genannt. Nicht gerade bescheiden, aber wenn man in seiner Mitte steht, das Panorama von fast 90.000 Quadratmetern mit den Augen abmisst, die doppelstöckigen Arkaden rundherum bestaunt, den Palast mit seinem Thronsaal, die beiden Moscheen mit ihren Fassaden aus Lapislazuli und Türkis und allen denkbaren Symphonien in Blau, dann möchte man den Schöpfern dieses Wunderwerks nicht widersprechen. Auch wenn es heute offiziell "Meidan e-Emam – Platz des Imam" heißt in Gedenken an den Ajatollah Chomeini, Gründer der Islamischen Republik.

Mit seinem Platz, den prachtvollen Gärten und Brücken, den Moscheen, Kirchen und Synagogen und zoroastrischen Feuertempeln ist Isfahan das kulturelle Zentrum des Iran. Aber die Stadt hat ein zweites Gesicht: Sie ist auch die zentrale Waffenschmiede des Landes. Am Stadtrand werden die ballistischen Raketen gebaut, immer modernere mit immer größerer Reichweite, von denen manche Experten im Westen vermuten, die Machthaber wollten sie eines Tages mit Atomsprengköpfen bestücken. Zwanzig Kilometer östlich des Zentrums steht, eingerahmt von Bergen und Höhlen, in einer Wüstenlandschaft eine riesige Konversionsanlage, in der Uranoxid, "Yellow Cake" genannt, zu Uranhexafluorid verflüssigt werden kann. Damit kann man Uran anreichern – und eben auch Atomwaffen bauen.

Das Gelände ist abgesperrt, schon die Zugangsstraßen werden streng überwacht. 2009 hatte der damalige Ministerpräsident Mahmud Ahmadinedschad einige internationale Journalisten, darunter den Autor dieser Zeilen, zur Besichtigung der Anlage eingeladen. Zu sehen waren Dutzende Fabrikhallen mit Zentrifugen, Forschungslabors, Arbeitsstätten für 3000 Wissenschaftler. Auf dem Gelände gibt es Restaurants und eine Moschee, eingerahmt von sorgsam angelegten Blumenrabatten, Vergissmeinnicht. Ahmadinedschad präsentierte damals triumphierend die Fortschritte der iranischen Nukleartechnologie. An Kompromissen mit dem Westen war er nicht interessiert: "Die Zeit dafür ist vorbei", sagte er. Sein gemäßigter Nachfolger, der heutige Präsident Hassan Ruhani, bewies mehr Flexibilität: 2015 kam es zu jenem internationalen Abkommen, in dem die iranische Regierung als Gegenleistung zur Aufhebung internationaler Sanktionen zusicherte, unter UN-Überwachung auf alles zu verzichten, was das Land in den nächsten Jahren einer atomaren Bewaffnung näherbringen könnte.

Aus den Vertragspartnern USA und Iran sind inzwischen wieder erbitterte Gegner geworden. 2018 hatte Donald Trump das Abkommen im Alleingang aufgekündigt, neue Sanktionen gegen Teheran verhängt und internationalen Firmen empfindliche Strafen angedroht, falls sie weiter Geschäfte mit dem Iran machten. Teheran schlug zurück, setzte den Europäern ein Ultimatum bis Anfang Juli: Sollten sie nicht adäquate wirtschaftliche Kompensation garantieren, werde auch der Iran aus dem Deal aussteigen und die Urananreicherung wieder hochfahren.

In Isfahan sind die Vorbereitungen für eine mögliche Eskalation abgeschlossen. Große Teile der Konversionsanlage waren über Jahre stillgelegt, jetzt wird dort wieder mit Hochdruck gearbeitet. Zuerst berichteten westliche Geheimdienste über die neuen Aktivitäten. Dann bestätigte die staatliche iranische Nachrichtenagentur Ende Januar, dass von einer Produktionsstätte für Uranerz in Ardakan 30 Tonnen "Yellow Cake" nach Isfahan transportiert worden sind. Der iranische wie der amerikanische Präsident versichern zwar, sie wollten keinen Krieg. Aber die gegenseitigen Schuldzuweisungen können sich jederzeit zu einer bewaffneten Auseinandersetzung hochschaukeln – und in diesem Fall wären die Atomanlagen und Raketenproduktionsstätten von Isfahan wohl eines der ersten Ziele israelischer oder amerikanischer Bomben.

"Esfahan nesf-e Dschahan – Isfahan ist die halbe Welt." Mit diesem Sprichwort aus der Dynastie der Safawiden, die einst den sagenhaften Platz bauen ließen, beschreiben die Bewohner heute gern ihre Stadt. Aber wie erlebt die "halbe Welt" die neuen Sanktionen und die Kriegsgefahr?

Ein Besuch im Peace, einem kleinen Café gleich am Eingang zum Großen Basar, unweit des Meidan e-Imam, wo es an diesem Juniabend friedlicher nicht zugehen könnte: Kinder planschen in den flachen Teichen vor den Moscheen, junge Männer spielen Fußball, Familien picknicken auf dem Rasen zwischen den Arkaden. Aber Hamid Safavije und seine Frau Bahar leiden unter den Krisenzeiten. Das junge Paar, das sein Café vor sieben Jahren eröffnet hat, stöhnt über die hohe Inflation – "über 40 Prozent!" – und die ausbleibenden Touristen. "Bei der Einweihung haben wir noch an den Frieden geglaubt, jetzt sind wir nicht mehr sicher", sagt Hamid und serviert zum Espresso selbst gebackenen Safran-Marzipan-Kuchen. Das Geschäft lohnt sich kaum noch, die Einkaufspreise für den ausländischen Kaffee haben sich dem Verfall der iranischen Währung angepasst, der Rial verlor gegenüber dem Dollar allein im vergangenen Jahr 70 Prozent an Wert.

Dabei ist die Inflation für viele Iraner noch eine der kleineren Sorgen. Vor acht Monaten ist Hamids und Bahars Tochter Venus zur Welt gekommen. Sollte sie einmal ernsthaft krank werden, stünden die Eltern in der Apotheke vor fast leeren Regalen. Die internationalen Pharmakonzerne liefern aus Angst vor amerikanischen Sanktionen und wegen der Einschränkungen des Zahlungsverkehrs keine teuren Arzneimittel mehr; Krebspatienten, Epileptiker und Diabetiker sind von einer modernen Versorgung abgeschnitten. Bei Stichproben in drei großen Apotheken Isfahans: überall Verzweiflung, überall der gleiche Notstand. Neben Israel war der Iran lange die Nation mit dem besten Gesundheitssystem im Nahen Osten. Jetzt ist er im wahrsten Sinne des Wortes ein krankes Land. Weil er die dramatischen Engpässe und Kürzungen in seinem Etat nicht mehr verantworten konnte, ist vor einigen Monaten der Gesundheitsminister Hassan Haschemi, selbst Augenarzt und einer der angesehensten iranischen Politiker, zurückgetreten.