Vielleicht ist es der schwierigste Job, den der deutsche Kulturbetrieb zu bieten hat: ein Jüdisches Museum zu leiten im Land jener, deren Großeltern auch dann noch die Fahnen hoch- und die Reihen fest geschlossen hielten, als die Züge nach Auschwitz rollten. Am eigenen Leib spürt das nun Peter Schäfer, der seit 2014 dem Jüdischen Museum Berlin als Direktor vorstand – und am vorigen Freitag seinen Rücktritt erklärte. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer monatelangen und überaus symptomatischen Debatte.

Peter Schäfer, nunmehr Ex-Direktor des Jüdischen Museums Berlin © Jule Roehr/​Jüdisches Museum Berlin

Zwar gilt Schäfer, dessen Vertrag eigentlich noch bis 2020 lief, selbst seinen schärfsten Kritikern als ausgewiesener Judaistik-Experte, der Theologie, Bräuche und Geschichte des Judentums kenne wie kaum ein anderer. In den Sechzigern betrieb der 75-jährige Schäfer als einer der Ersten hierzulande Jüdische Studien; jahrelang hat er zuvor die Thora und den Talmud immer und immer wieder durchgeackert in Israel – einem Land, zu dem er, so Schäfer, eine "innere Liebe" hege. Doch genau an dieser Liebe werden seit Monaten Zweifel laut: Wie hält Schäfer es wirklich mit dem Staat der Juden? Hat er sein Museum erbitterten Antizionisten ausgeliefert, wie einige meinen? Oder, so sehen es Schäfers Verteidiger, wurde er zum Opfer eines innerjüdischen Konflikts und letztlich einer Kampagne, hinter der die israelische Regierung steckt und der konservative Flügel des Zentralrats?

Offen darüber reden wollen in diesen Tagen die wenigsten. Das Museum selbst hat sich ein Schweigegelübde auferlegt: Keine Statements, kein Zitat sollen nach außen dringen. Man ist aufgescheucht, Mitarbeiter fürchten, dass auch an ihrer Vita der schlechte Leumund des Museums, das nun weltweit ins Gerede gekommen ist, hängen bleibt. Erst jüngst bezeichneten israelische Zeitungen das Jüdische Museum als "Antijüdisches Museum".

Auslöser für den Rücktritt, mit dem Schäfer wohl nur knapp seinem Rauswurf zuvorkam, war vorige Woche ein Tweet auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Die Pressestelle des Museums hatte dort mit den Worten "Must read" einen Artikel in der taz über 240 israelische und jüdische Wissenschaftler zur Lektüre empfohlen. Diese Wissenschaftler hatten mit einer gemeinsamen Erklärung in Zweifel gezogen, was der Bundestag kürzlich mit absoluter Mehrheit verkündet hatte: dass es sich bei den Aktivisten der 2005 gegründeten und global agierenden BDS-Bewegung generell um Antisemiten handele. BDS, das steht für "Boycott, Divestment and Sanctions", und so lautet auch das Programm. Israel sei ein Apartheidstaat, der mit dem Boykott seiner Künstler, Weine und Avocados in die Knie zu zwingen sei. Wer in Berlin oder Düsseldorf, London oder New York zu einem Festival israelische Künstler einlädt, muss mit Protestschreiben und Störaktionen des BDS vor der Bühne rechnen.

Und dafür legt ausgerechnet der Direktor des Jüdischen Museums mit einer Leseempfehlung ein gutes Wort ein? Der israelische Botschafter zeigte sich empört, und der Zentralrat der Juden brach gar den Kontakt zum Museum ab ("Das Maß ist voll"). Ein einzigartiger Vorgang.

Schäfers Verteidiger sagen, dass in der Debatte um den BDS und das richtige Maß der Kritik an der israelischen Regierung doch wohl auch die Gegenseite gehört werden müsse und es sich bei den 240 Wissenschaftlern, die zur Differenzierung mahnten, keineswegs um erbitterte Aktivisten handele. Außerdem: Jude sein heiße doch auch immer, sich im Verhältnis zu seiner Umwelt zu begreifen.

So sieht man es im Libeskind-Bau, in dem das Museum seit seiner Eröffnung im Jahr 2001 residiert. Blickt man von oben auf das Museum, wirkt der Zickzackbau mit seiner Titanzinkfassade wie ein geborstener Davidstern oder wie ein Blitz, der Anfang des neuen Jahrtausends im Kreuzberg der Satellitenschüsselpaläste einschlug. Mit dieser Umgebung ins Gespräch zu kommen, die damals noch viel stärker als heute für Utopien und Dystopien des Multikulturalismus stand, das war auch immer Schäfers Losung. Doch die Debatte um den BDS ist mittlerweile derart aufgeheizt, dass ein Dialog kaum noch möglich scheint. Auf die Boykottaufrufe des BDS reagieren Politiker und Veranstalter längst mit Gegenboykott. Künstler, die in Berührung gekommen sind mit dem BDS, werden ausgeladen, so fordert es auch der Beschluss des Bundestags. Und manch einer, wie etwa der Publizist Micha Brumlik, fühlt sich erinnert an den "McCarthyismus der frühen Fünfzigerjahre. Es geht letztlich um Kontaktschuld."