Nun also die Korallen. Nachdem in der beliebten Reihe der Naturkunden des Matthes & Seitz Verlages unter anderem schon Käfer, Eidechsen, Hirsche, Pilze, Schnecken und wilde Wälder behandelt wurden, geht es jetzt im 50. Band um die koloniebildenden Nesseltiere. Die Germanistin und Literaturkritikerin Jutta Person hat ein überaus anregendes Buch über die geselligen Meeresbewohner geschrieben, deren genossenschaftlich erzeugtes Kalkskelett seit der Antike als Schmuckstein und Abwehrzauber beliebt ist, heute aber vor allem als Gegenstand von Klimasorge und Umweltverzweiflung die Diskussion beherrscht.

Die gewaltigen Korallenriffe, die in tropischen Meeren Küsten schützen, Inseln entstehen ließen und ungezählten Tieren Lebensraum bieten, sind sämtlich von Untergang bedroht, bedrohliches Stichwort: "Korallenbleiche". Ja, mit dem glänzenden, satten Rot, das die Edelkoralle ihrer Symbiose mit einer Algenart verdankte, ist es bald vorbei; und nicht nur damit. Über 90 Prozent aller Korallen sterben derzeit durch Überwärmung und Übersäuerung der Meere, es ist also genau der richtige Zeitpunkt, ihrer mit einer kulturhistorischen Betrachtung zu gedenken.

Es ist noch keine Rede am Sarg, aber so etwas wie die Erteilung der Sterbesakramente und typisch für unsere Gesellschaft, die angesichts von Umweltkatastrophen nicht zur tätigen Abhilfe, sondern zu sentimentalen Symbolhandlungen schreitet. Das ist kein Vorwurf an die Autorin, die mit bewunderungswürdiger Kenntnis vor allem die historische und kulturelle Bedeutung der Koralle aus zahlreichen erstaunlichen und amüsanten Quellen entwickelt, also die Bedeutung der Koralle für die menschliche Zivilisation, die nunmehr dabei ist, ihren exotischen Liebling zu töten.

Diese Verschränkung von Naturgeschichte und Zivilisationsgeschichte ist geradezu die Pointe des Bandes wie der gesamten Reihe von Matthes & Seitz: Mit dem Artensterben verarmt nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch. Wir schneiden uns ins eigene Fleisch, aber offenbar ist kein Mittel gegen die Messer (Profitgier und industrieller Wachstumswahn) zu finden. Wer bei Person nachliest, wie Ovid die Koralle beschreibt und mythologisch deutet, wird begreifen, dass auch unser kulturelles Gedächtnis durch das Verschwinden von Tieren bedroht ist. Die Literatur wird vielleicht bleiben, aber die Anschauung geht für immer verloren.

Die Schriftstellerin Judith Schalansky ist Herausgeberin der prächtig illustrierten Reihe, sie hat fabelhafte Essays akquiriert (darunter ein weiterer von Jutta Person über Esel), auch einige, die ein eher flaues Gefühl hinterlassen (über den Heimatinstinkt oder den Deutschen in der Landschaft), aber insgesamt wird doch ein angemessenes Potenzial an Traurigkeit entfaltet. Schön wäre es, wenn wir diese Traurigkeit nicht nur behaglich im Lehnstuhl genössen, sondern für die Lektüre des Buches noch einmal, sagen wir: die Hälfte des Ladenpreises an Greenpeace entrichten würden oder irgendeine andere Organisation, die hinreichend aggressiv gegenüber den industriellen Verwertungsinteressen auftritt, die unsere Welt zerstören.

Jutta Person: Korallen. Ein Porträt.
Berlin: Matthes & Seitz, 2019; 192 Seiten; 20 €