"Let’s move", sagt Major Thomas Diener, zieht sich das Béret auf den Kopf, Pistole und Pfefferspray sind unter dem Tarnanzug verborgen. In drei Tagen soll der serbische Präsident auftreten – gleich hier um die Ecke, wenige Meter von der Schweizer Militär-WG in Mitrovicë entfernt. "Situation of awareness", mahnt Diener, der Ranghöchste, als die Soldaten ihre Patrouillen durch die Stadt beginnen.

Flankiert von zwei Soldaten, spaziert Diener zur mächtigen, geschwungenen Stahlbrücke über den Fluss Ibar. Die Brücke ist kürzlich renoviert worden, finanziert von der EU. Heute sollen die Schweizer den Baufortschritt überprüfen. Wie jeden Tag. Es riecht nach frischem Teer, im Innern des angrenzenden Kreisels sprießen schon die Blumen. Die Brücke ist seit Wochen fertig, doch rot-weiß gestreifte Betonschutzwände und ein quer über der Fahrbahn stehender Einsatzwagen der italienischen Carabinieri verhindern die Durchfahrt. "Man könnte sie problemlos für den Autoverkehr eröffnen", erklärt Major Diener. Heute dürfen sie nur Fußgänger überqueren. Eine Soldatin seiner Truppe zieht eine Digitalkamera aus ihrer Militärhose und drückt aus allen möglichen Perspektiven ab. Später wird sie die Fotos nach Prishtinë schicken. Auftrag erfüllt – auch wenn die Aufnahmen identisch sind mit jenen von gestern, vorgestern und vorvorgestern. Diener seufzt: "Wann es so weit ist, ist ein politischer Entscheid."

Seit 20 Jahren fliegt alle sechs Monate ein neues Kontingent von Schweizer Soldaten ins Kosovo. Swisscoy nennt sich die Truppe, die zur Kosovo Force (KFor) gehört. 176 Soldaten sind zurzeit im jüngsten Balkanstaat im Einsatz. Es ist der mit Abstand größte Schweizer Auslandseinsatz – und er dauert bereits 20 Jahre.

Als der Bundesrat am 23. Juni 1999, keine zwei Wochen nach dem offiziellen Ende des Nato-Einsatzes gegen Jugoslawien, entschied, sich an der Friedenstruppe KFor zu beteiligen, waren Tausende Flüchtlinge in die Schweiz unterwegs. Im Kosovo war die Hälfte aller Häuser zerstört, über eine Million Menschen waren obdachlos, weite Landstriche waren vermint.

Die Aufgabe der Schweizer war klar: helfen, wieder aufbauen, den labilen Frieden sichern – so schnell und effizient wie nur möglich. Zwei Jahrzehnte später steht ein Großteil der Häuser wieder, die Straßen sind befahrbar, die Lage ist ruhig. Die Swisscoy-Soldaten aber sind noch immer da, das eidgenössische Parlament verlängert ihre Mission im Dreijahrestakt – vorläufig bis Ende 2020.

Was also haben die Schweizer im Kosovo noch verloren?

Major Thomas Diener im Einsatz in Mitrovicë © Marco Frauchiger für DIE ZEIT

Die Brücke über den Ibar ist mehr als ein Bauwerk. Mitrovicë, im Norden des Kosovos, nur 50 Kilometer von der serbischen Grenze entfernt, ist seit dem Krieg vor 20 Jahren die "geteilte Stadt". Nördlich des Flusses Ibar leben die Serben, südlich davon die Albaner. Die Albaner überqueren den Fluss nur, um auf der anderen Seite ihre Medikamente zu erhalten, die Serben, um bestimmte Lebensmittel zu kaufen. Die Stadt hat zwei Sprachen, zwei Bürgermeister, zwei Währungen, zwei Kinderspielplätze mit elektrischen Bobby-Cars. Auf dem Papier gibt es keine Grenze, dafür in den Köpfen.

Gemeinsam mit Major Diener, einem 39-jährigen Anwalt und zweifachen Familienvater aus Meggen, sind im vergangenen Herbst, als wir ihn treffen, im Einsatz: Eliane Wicki, 30, aus Ruswil und Ivo Djukanovic, 28, aus Böttstein. Beide haben in einem halben Jahr vor Ort viele Bekanntschaften gemacht, lächeln praktisch andauernd, außerdem ist Djukanovic’ Vater Serbe, das sei hier von Vorteil. "Mein Name ist ein Eisbrecher, auch bei Albanern." So gesehen ergänzen sich die drei gut. Diener, der militärisch Korrekte. Djukanovic und Wicki, die Charmanten. "Thomas ist so etwas wie unser WG-Papi", sagt Djukanovic.