Junge Wissenschaftler werden als "Nachwuchs" bezeichnet – und damit klein gehalten. Zeit, gegen den Begriff aufzubegehren.

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Nachwuchs! So schallt es in der Boulevardpresse, wenn ein royales Baby geboren wird. Nachwuchs, das ist aber auch ein wissenschaftspolitischer Imperativ. Wer sich bei den Geldgebern der deutschen Wissenschaft um Fördermittel bewirbt, ob bei Universitäten, Stiftungen oder Ministerien, trägt das Wort im Munde – mit Ausrufezeichen: Nachwuchs muss in jedem Forschungsprojekt sein. Denn ohne Nachwuchs keine Nachhaltigkeit – noch so ein mitnotiertes Wort mit N. Will sich die Wissenschaft am Leben halten, braucht sie steten Zuwachs aus der nachrückenden Generation: Doktorandin heute, Professorin morgen, Nobelpreisträgerin übermorgen.

"Nachwuchs": Das klingt im gemeinen Begriffsverständnis nach Geburtsanzeige. Oder Jugendarbeit. Aber der Begriff täuscht, jedenfalls sobald man die Universitäten dieses Landes betritt. Die offizielle Definition fasst hier unter "wissenschaftlichem Nachwuchs" alle, die sich im Wettbewerb um künftige Professuren und Leitungspositionen qualifizieren – bis zum Alter von 45 Jahren. Nachwuchs, das ist der Doktorand Mitte 20, der jahrelang im Labor steht und forscht. Die fertig promovierte Wissenschaftlerin Mitte 30, die junge Studierende unterrichtet und prüft. Und sogar der habilitierte Lehrstuhlvertreter Anfang 40, der zwar routiniert sämtliche Aufgaben in Forschung, Lehre und akademischer Selbstverwaltung übernimmt, aber eben noch keine eigene Professur hat. "Nachwuchs" mit Anfang 40? In anderen Branchen, die dem Prinzip "Aufstieg oder Ausstieg" folgen, ist man zu diesem Zeitpunkt längst "Senior".

Mit dem wissenschaftlichen Nachwuchsbegriff stimmt etwas nicht. Er ist sogar grundlegend irreführend. Denn die Nachwuchsformel suggeriert Fürsorge – nicht zufällig ist in der Wissenschaft die Metapher vom Doktorvater, von der Doktormutter gängig. Die inhaltlichen Betreuungsverhältnisse werden von finanziellen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Jungen und Alten überlagert: 93 Prozent der Nachwuchsstellen an Hochschulen sind befristet. Die Elternschaft ist eine Elternschaft auf Zeit.

Warum hält sich die Rede vom "Nachwuchs" so hartnäckig, sogar bei diesem selbst? Das liegt daran, dass der Begriff ambivalent ist. Er ruft nicht nur ein Kindchenschema auf, sondern lockt auch mit attraktiven Versprechen: Dazu gehört eine herausgezögerte Adoleszenz – der Reiz also, die fachliche Qualifikationsphase auch intellektuell und persönlich möglichst lange auszudehnen. Zudem schätzt der Nachwuchs die Protektion und das Prestige – den Schutz, den die Betreuer geben, die Wege, die sie ihren Schützlingen möglicherweise bahnen. Diese Ambivalenz wirkt systemstabilisierend, und sie sorgt für Ruhe.

Das Bild vom Nachwuchs darf nicht zu grob gezeichnet werden. Denn die Vorstellung, Promovierende und Postdoktorandinnen seien angesichts des hohen Befristungsdrucks und prekärer Kurzzeitverträge verstummt, ist ihrerseits ein Stereotyp, das endlich infrage gestellt wird. Die jüngeren Wissenschaftler nennen sich selbst "Nachwuchs" und artikulieren sich unter dieser Flagge – allerdings ironisch oder pragmatisch. Sie kämpfen auf allen Kanälen um Aufmerksamkeit. "Uns gibt es auch noch! Der Nachwuchs", posteten verärgerte Promovierende zum Historikertag 2018. Unter dem Hashtag #unbezahlt berichten zahlreiche junge Lehrende auf Twitter über ausbeuterische Verhältnisse an den Hochschulen. Doktorandennetzwerke stellen Papiere vor, in denen sie bessere Arbeitsbedingungen fordern, und Nachwuchssprecher sitzen neben Wissenschaftsfunktionären auf den Podien. Bei den Verhandlungen um die zukünftige Finanzierung der Universitäten, den Hochschulpakt, standen sie neulich sogar vor dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, mit Trillerpfeife und dem Schlachtruf: "Frist ist Frust!"

Doch das Problem bleibt: Derzeit werden mehr Kandidaten in das wissenschaftliche System eingeladen, als es langfristig halten kann. Nicht jeder kann Professor werden, das ist die unausgesprochene Regel. Ein paar gute Treffer werden in der Masse schon dabei sein, so lautet das Kalkül. Auf einen Verlust mehr oder weniger kommt es nicht an – neuer wissenschaftlicher Nachwuchs ist laufend unterwegs.