In der "National Defense Strategy 2018" nimmt das Verteidigungsministerium der USA, neben Terrorismus und den üblichen "Schurkenstaaten" Nordkorea und Iran, Russland und China ins Visier. Russland, vor kaum dreißig Jahren noch der erhoffte Partner der Neuen Weltordnung, ist wieder Feind Nummer eins der USA, ist wieder das traditionelle "evil empire", wie fast immer seit mehr als 150 Jahren. An der Grenze der Ukraine zu Russland bestehen kriegsähnliche Zustände, militärische Einheiten aller Waffengattungen der Nato und Russlands begegnen sich in Osteuropa, im Schwarzen Meer und im Nahen Osten.

Im März 2019 erschienen zu dieser gefährlichen Entwicklung zwei wichtige Bücher: Russisches Roulette von Horst Teltschik, einst außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Kohl und später Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz; und The Back Channel, politische Erinnerungen von William Burns, unter anderem ehemaliger US-Botschafter in Moskau und später stellvertretender Außenminister der USA.

Horst Teltschik dokumentiert die Schritte vom Kalten Krieg durch eine kurze Phase der Entspannung hindurch zu einem neuen "Kalten Frieden". Er beklagt, "in den heutigen Russland-Debatten dominieren holzschnittartige Sichtweisen"; die einen meinten, "der Westen hat sich in dieser Interpretation im Umgang mit Russland nichts vorzuwerfen (...). Die anderen sehen (...) Russland als (...) wehrloses Opfer (...) des Westens. Dieser habe durch die Nato-Osterweiterung seine 1990 gemachten Versprechen gebrochen." Teltschik schließt: "Beide Sichtweisen sind falsch."

William Burns diente unter beiden Präsidenten Bush, unter Clinton und Obama; seine Arbeit wird von allen bewundert. Die Erinnerungen beeindrucken durch eine immer loyale Selbstkritik US-amerikanischer Politik. Auch er hält einseitige Schuldzuweisungen an Russland für unbegründet und berichtet kritisch über einen sinnlos verletzenden Umgang der USA mit russischen Interessen und Gefühlen nach 1990.

Drei Reflexe Russlands, darin sind sich beide Autoren einig, machten nach dem Ende des Kalten Krieges eine Verständigung mit dem Westen schwierig: das Selbstverständnis russischer Sicherheit; die gefühlte Missachtung russischer Interessen; und die "Würde" Russlands. Aber im Mittelpunkt steht bei beiden Autoren immer wieder die Erweiterung der Nato auf Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes.

Natürlich bereitet die Nato-Erweiterung keinen Überfall auf die Russische Föderation vor, aber Sicherheit ist auch ein Gefühl. Und es gab tatsächlich häufiger Angriffe des Westens auf Russland als umgekehrt: durch Karl XII., durch Napoleon, durch England und Frankreich im Krimkrieg mit der Zerstörung Sewastopols, durch US-Truppen im Bürgerkrieg 1922, durch Hitler. Könnte Putins These, die Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Paktes sei "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" gewesen, auch Ausdruck eines russischen Gefühls verlorener Sicherheit sein? Hatte nicht auch Präsident Roosevelt 1945 vor dem US-Kongress erklärt, mit den geopolitischen Vereinbarungen von Jalta – die nun nach 1990 wieder aufgelöst wurden! – würde "ein stabileres politisches Europa bestehen als je zuvor"?

Russlands Würde? Teltschik verweist unter anderem auf den robusten Umgang mit Moskaus Interessen im Jugoslawienkrieg 1994, auf die Trennung Serbiens vom Kosovo oder auf die Äußerung Präsident Obamas, Russland sei schließlich nur eine "mittlere Regionalmacht". Alles Nebensächlichkeiten? Wir wissen doch selbst aus den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, wie gefährlich Gefühle der Demütigung werden können!