Wenn vom Einfluss einer Planetenkonstellation die Rede ist, kann man fast immer aufhören zu lesen. Denn gewöhnlich wird die Stellung der Himmelskörper als Ursache für die Entwicklung höchst irdischer Phänomene – Liebe, Job, Gesundheit – bemüht. Diesmal aber geht es um Astrophysik. Und es sind keine Horoskop-Autoren, sondern Dresdner Naturwissenschaftler, die sagen: Bilden Jupiter, Erde und Venus eine Linie, die ins Herz der Sonne weist, dann wirken ihre vereinten Anziehungskräfte auf sie. So wie die Masse des Mondes den irdischen Meeren Ebbe und Flut beschert, lässt die Schwere der drei Planeten das solare Plasma schwappen.

Gezeiten auf der Sonne? Dieses Stück Heliophysik ist keine belanglose Kuriosität. Den Experten dient es als neues Mosaiksteinchen für ihr Verständnis der Sonne. Und den Laien führt es vor Augen, welch grundlegende Fragen da noch offen sind. Tatsächlich gibt der lebensspendende Stern der Menschheit noch immer große Rätsel auf.

Zu diesen Rätseln gehört die bange Frage, wann die Aktivität auf der Sonnenoberfläche das nächste Mal bedrohlich zunehmen wird. Schließlich ist der Stern in der Mitte unseres Planetensystems ein riesiger Dynamo, dessen komplizierte Plasmabewegungen gewaltige elektrische Ströme erzeugen, die wiederum ein mächtiges Magnetfeld aufbauen. Mit dem schirmt die Sonne die Erde vor gefährlicher kosmischer Strahlung ab. Es verleiht ihr aber auch die Kraft, gewaltige Mengen geladener Teilchen wie Feuerschlingen ins All hinauszuschleudern, so wie es das Foto oben zeigt. Gelangen diese Teilchen in die Erdatmosphäre, können sie (schöne) Polarlichter hervorrufen und (hässliche) Störungen an Satelliten, Pipelines und Stromtrassen.

Im Takt

Alle elf Jahre stehen drei Planeten in einer Linie zur Sonne (oben). Zu- und Abnahme der Sonnenflecken folgen demselben Takt (unten).

© ZEIT-Grafik/Science

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Dabei gehorcht die Sonne einem strengen Rhythmus. Der erste Gelehrte, der ihn aufgezeichnet hat, war der Schweizer Astronom Johann Rudolf Wolf. Er interessierte sich für die charakteristischen Flecken auf der Oberfläche der Sonne. Im Jahr 1848 veröffentlichte Wolf ein Protokoll der Zu- und Abnahme dieser Flecken seit 1750.

Heute deuten Heliophysiker die Zahl der Sonnenflecken als Indikator für die magnetische Aktivität im Inneren. Sie wissen, dass in aktiven Phasen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass große Mengen solarer Teilchen ins All geschleudert werden .

Als Wolfs Nachfolger die Zeitreihe bis in die Gegenwart verlängerten, setzte sich das Muster fort. Und in den 1950er-Jahren gelang es dem Briten Derek Justin Schove, den Wechsel der Sonnenflecken bis ins Jahr 649 vor null zu rekonstruieren, unter anderem aus Aufzeichnungen chinesischer Hofastronomen. 1955 veröffentlichte er im Journal of Geophysical Research seinen "Sonnenflecken-Zyklus". Auch dieser zeigt im Mittel einen stabilen Elf-Jahres-Takt.

Ebenfalls alle elf Jahre – genau genommen: im Abstand von 11,07 Jahren – stehen Jupiter, Erde und Venus in einer Linie zur Sonne. Wie aber sollte die Masse der drei Planeten auf die Sonne wirken, die um den Faktor 1000 schwerer ist? Wie könnte diese Planetenkonstellation zum Metronom werden, das den Sonnendynamo taktet? Die Physiker um Frank Stefani vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf erklären das im Fachblatt Solar Physics mit einer Instabilität im Sonneninneren. Es geht um die Grenzen verschiedener Zonen, um das schraubenförmig aufgewickelte Magnetfeld – alles nicht ganz unkompliziert. Den Effekt aber vergleicht Stefani mit einer Mausefalle: "Die Falle ist schon aufgespannt, mit der Kraft einer starken Feder. Aber es ist die kleine Mäuseschnauze, die die Falle letztendlich zuschnappen lässt" – die kraftvolle Feder wäre der Dynamo, die Maus die Planetenkonstellation.

Momentan nähert sich die fast fleckenfreie Sonne ihrem nächsten Minimum. Davon kann man sich ein Bild machen, ohne per direktem Blick sein Augenlicht zu riskieren: Auf sdo.gsfc.nasa.gov zeigt die Nasa Livebilder des Solar Dynamics Observatory. Wie aber sieht die Zukunft aus?