Niemand will

Manuela Schwesig kann nicht, weil sie als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern die Demokratie in Ostdeutschland verteidigen muss. Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel kann nicht, weil er bald in die Entwicklungspolitik wechselt. Olaf Scholz kann nicht, weil er schon Vizekanzler und Finanzminister ist. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer kann nicht, weil sie an Multipler Sklerose leidet. Lars Klingbeil kann nicht, weil er lieber Generalsekretär der SPD bleiben möchte. Justizministerin Katarina Barley kann nicht, weil sie jetzt nach Brüssel geht. Familienministerin Franziska Giffey kann nicht, weil Plagiatsjäger gerade ihre Doktorarbeit auseinandernehmen. Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, würde eventuell können wollen, verspürt aber gerade "keine Ambitionen" – und Juso-Chef Kevin Kühnert darf nicht, weil er noch Kapuzenpullis trägt und zu oft "Sozialismus" sagt.

Das "schönste Amt neben Papst" hat Franz Müntefering 2005 den Vorsitz der SPD genannt. 14 Jahre später titelt die taz: "Scheißjob zu vergeben". Das lange Siechtum der SPD hat die kritische Phase erreicht: Mit 15 Prozent bei der Europawahl und weiter sinkenden Umfragewerten droht ihr der Exitus. Und wer will schon als Chefin oder Chef das Willy-Brandt-Haus abschließen müssen, wenn dort alle Lichter ausgegangen sind?

Alle prominenten Sozialdemokraten, die bereits ausgeschlossen haben, die älteste und stolzeste Partei Deutschlands künftig führen zu wollen, haben Gründe für ihren Entschluss. Trotzdem wirkt die Massenabsage sozialdemokratischer Frontrunner wie eine Flucht derjenigen aus dem System Politik, die es eigentlich tragen sollen. Und das hat nicht nur mit dem Niedergang der SPD zu tun.

Die Abkehr von der Verantwortung ist Ausweis einer tiefen Vertrauens- und Sinnkrise, die das Zentrum der deutschen Politik erfasst zu haben scheint. Viele Politiker, etwa die frühere NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, schildern das politische Berlin als einen Ort, den meiden muss, wer anständig bleiben will: lebensvergessen, nur mit sich selbst beschäftigt, eine in sich geschlossene Blase mit eigenen Regeln und Gesetzen, die die Wirklichkeit ausblendet. In diesem Babylon Berlin will kaum noch jemand eine Hauptrolle spielen. Doch wenn schon Politiker die Spitzenjobs in ihren Parteien oder einer Regierung nicht wollen – wer will dann noch in die Politik?

Je verworrener die Lage erscheint, desto hektischer sucht ein Teil der Öffentlichkeit nach dem starken Einzelnen, der Erlöserfigur. Zeitungscover der vergangenen Monate zeigten Martin Schulz (SPD) als Sankt Martin, Friedrich Merz (CDU) als Friedrich den Großen, Robert Habeck (Grüne) als nächsten Kanzler und Juso-Chef Kühnert als Ein-Mann-"Sprengkommando". Gesucht werden Heilsbringer – oder, wie in Kühnerts Fall, wenigstens Typen, die den Laden in die Luft jagen. Dabei werden alle größer gemacht, als sie sein können. Jeder Politiker, der zum Ziel dieser Sehnsüchte wird, ahnt, dass er sie kaum erfüllen kann. Und jeder Politiker reagiert darauf unterschiedlich.

Friedrich Merz mit abgestandener Selbstgewissheit.

Christian Lindner (FDP) mit Überinszenierung.

Martin Schulz mit verwirrter Hektik.

Das bisher wirksamste Mittel scheint Robert Habeck gefunden zu haben: einen Panzer aus Zweifeln. Bei ihm soll jeder Satz zeigen, wie Habeck im Höhenflug den möglichen Absturz mitdenkt – und Erwartungen stets dämpft, anstatt sie zu beflügeln. Ein Selbstschutz mit Kollateralnutzen: Habeck und die Grünen steigen erst mal weiter auf.

Die Erwartungen wachsen, die Gestaltungsmöglichkeiten schrumpfen

Die Polit-Prominenz aller Parteien sieht sich mit einer paradoxen Situation konfrontiert: Die Einzelnen werden in der Politik zugleich wichtiger und ohnmächtiger. Die Erwartungen an sie wachsen – und ihre Gestaltungsmöglichkeiten schrumpfen. In der Regierung werden die immer komplexeren Entscheidungen an Expertenkommissionen delegiert, es steigt die Zahl der Interessenvertreter, die in jedem Verfahren angehört und deren Anliegen mitbedacht werden müssen. Viele Probleme, vom Klimawandel bis zur Besteuerung von IT-Giganten, sind allein im nationalen Rahmen nicht zu lösen.

Hinzu kommt ein zweites Paradoxon: Die Bedingungen, unter denen Politik heute entsteht, sind eigentlich nicht mehr Basta-tauglich, was gleichzeitig zu einer wachsenden Basta-Sehnsucht führt. Steht dann, wie bei Andrea Nahles, eine Person ganz oben, die autoritär agiert, wird umgehend losgejammert: immer nur von oben herab, zu wenig kommunikativ, zu sehr alte Welt.

All das führt dazu, dass die Hypes kürzer werden, die Stürze umso tiefer. Martin Schulz hadert noch immer damit, wie er, zumindest in seiner Wahrnehmung, erst hoch- und dann abgeschrieben wurde. Und Andrea Nahles, die erste Frau an der SPD-Spitze, hat nicht nur Partei- und Fraktionssitz niedergelegt – sie hat die Politik gleich ganz verlassen.

Überschießende Erwartungen bei schwindendem Einfluss und Abstürze vom Himmelhohen ins Bodenlose – beides trägt wesentlich dazu bei, dass sich nicht nur Sozialdemokraten verstärkt fragen: Warum tut man sich das an? Gleichzeitig wirkt der dauernde Wechsel von Aufwallung und Ernüchterung wie ein Schrumpfprogramm für das Vertrauen in die Politik.

"Sofortismus" nennt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte die Anforderung einer Medienwelt ohne Sendeschluss an moderne Politiker. Twitter, Facebook und Instagram verlangten nach einer persönlicheren Kommunikation, nach einer Abkehr von der "apparatschikhaften Sprache". Das Duo an der Grünen-Spitze, Habeck und Annalena Baerbock, sei auch deshalb so erfolgreich, weil es einen "räsonierenden, suchenden Ton" anschlage. "Habeck und Baerbock führen, indem sie Fragen stellen, und nicht, weil sie Antworten liefern."

Doch wer heute noch räsoniert, kann morgen schon unentschlossen wirken. Und wer nahbar sein will, macht sich angreifbar. Robert Habeck konnte das zuletzt selbst erleben, als er nach einigen unsinnigen Tweets und dem anschließenden Shitstorm seinen Twitter-Abschied verkündete. Twitter mache ihn "lauter, aggressiver, polemischer", erklärte Habeck dazu. Zeit zum Nachdenken bleibe kaum noch. Jetzt ist er nur noch bei Instagram, dem Flauschkanal der sozialen Medien.

Dauerkommunikation und Ad-hoc-Erreichbarkeit, so meint der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, gelten inzwischen als politische Kernkompetenzen – frei nach dem Motto: "Nur wer rund um die Uhr auf Sendung ist, erfüllt die Anforderungen der neuen Zeit. Aber wer mal danebenliegt, den machen wir so richtig fertig!" Die Lust an der Demontage sieht Pörksen als Gegenpol zur Sehnsucht nach dem Erlöser. Die falschen Sätze in einem Video, das Gestammel in einer Talkshow, der plötzliche Tränenausbruch auf einer Pressekonferenz, die Lästerei auf der sicher geglaubten Hinterbühne – all das sorge "im Kuriositätenkabinett der sozialen Medien für Furore".

Zuweilen deformiert das Amt den Menschen

In Pörksens Schlussfolgerung liegt ein weiterer Grund, warum Spitzenämter für viele keine Traumjobs mehr sind: "In der Kombination aus Beobachtungsdruck und Reaktionszwang, Authentizitätsverlangen und Perfektionssehnsucht züchtet diese Gesellschaft, ob sie will oder nicht, den Typus des kleinmütigen, visionsfeindlichen, sich hinter Phrasen verschanzenden Angstpolitikers, den sie dann verachtet."

Je höher man steigt, desto größer werden die Zwänge. Als SPD-Chefin stehe sie "blank" da, hat Andrea Nahles einmal gesagt. Alles werde beobachtet, analysiert, interpretiert, bewertet; nichts bleibe verborgen. Das auszuhalten sei "brutal".

Ein Sozialdemokrat, der für führende Positionen gehandelt wurde, hat intern bereits abgewinkt. Im Gespräch nennt er dafür zwei Gründe. Zum einen möchte er nicht aushalten müssen, was Andrea Nahles erlebt hat. Die Häme der Medien, die Illoyalität der Parteifreunde, die Unverschämtheiten hinter vorgehaltener Hand, das Genöle und Gemeckere, die Zermürbungstaktik der Gegner, das Warten auf das Ende. All das bleibe nicht im Büro und auch nicht im Willy-Brandt-Haus, man trage es mit nach Hause, wo es "das Private verseucht". Und zum anderen möchte er nicht so werden, wie man werden müsse, wenn man an der Spitze überleben wolle: Man müsse selbst brutal sein.

Das Amt formt den Menschen mehr als der Mensch das Amt, heißt es. Zuweilen deformiert das Amt den Menschen sogar.

Doch es sind nicht nur Sozialdemokraten, die sich die Härten des politischen Geschäfts nicht mehr antun wollen. Die Linke findet partout keine Nachfolgerin für die scheidende Fraktionschefin Sahra Wagenknecht – und als die Union vor wenigen Jahren einen Nachfolger für den ins Verteidigungsressort wechselnden Innenminister Thomas de Maizière suchte, wollte über Monate niemand den Job haben, bis schließlich der CSU-Mann Hans-Peter Friedrich zwangsverpflichtet wurde.

In der Politik gebe es kein Vakuum, hieß es früher. Heute produzieren Politiker das Vakuum selbst.

In der Union flieht zwar noch niemand von der Spitze. Aber es zeichnet sich eine erstaunliche Parallele zum Schicksal von Nahles ab. Vor einigen Monaten galt Annegret Kramp-Karrenbauer noch als ausgemachte Kanzlerin, heute ist unklar, ob sie überhaupt kandidieren soll.

Dazwischen lagen verunglückte Auftritte, verstammelte Statements und einstürzende Beliebtheitswerte. Die Parteivorsitzende wurde daraufhin noch unsicherer und ihre Kritiker mutiger, manche auch unverschämter. Bei Nahles dauerte die Selbst- und Fremddemontage im Amt noch ein gutes Jahr, Annegret Kramp-Karrenbauer scheint schon nach einigen Wochen beschädigt. Und wie bei der SPD stellt sich auch bei der Union die Frage, ob die strukturellen Probleme der Partei nicht so groß sind, dass die Vorsitzende zwar Hoffnungen trägt, aber dann bloß den Niedergang verwaltet. Der Abwärtssog wird auch AKK verändern.

"Verhärtung ist die größte Gefahr", sagt ein Minister im Gespräch. Die Arbeit in der Politik zeichne sich dadurch aus, dass man mit Menschen, die "einem Übelstes nachsagen oder sogar antun, am nächsten Tag wieder zusammenarbeiten muss". Das schulde jeder Politiker dem Dienst an der Demokratie. Es führe aber zu einer Art Gefühlspanzerung. Der beste Schutz gegen diese Verhärtung, sagt der Minister, sei "größenwahnsinniges Selbstbewusstsein der Marke Lafontaine". Ansonsten müsse man versuchen, die Dinge abperlen zu lassen.

Für viele jüngere Politiker gilt: Der Beruf ist nicht alles

Franz Müntefering erzählte gern die Anekdote von seinem ersten Gespräch mit dem damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner. Als der Neu-Abgeordnete Müntefering seinem Chef dargelegt hatte, was er so vorhabe, sagte Wehner: "Dann mach mal. Pass aber auf, dass du nicht austrocknest."

Die Gefahr, auszutrocknen oder zu verhärten, hat es also schon vor 40 Jahren gegeben. Halten Politiker einfach nur weniger aus als früher? Sind das heute alles Weicheier?

Noch einmal der Minister: Vor 40 Jahren habe man auch schon mitbekommen, wenn andere gelästert hatten. "Heute vertausendfacht sich das aber sofort in den sozialen Medien – und das macht es brutaler."

Verändert hat sich auch das Arbeitsethos. Der Erlöserdruck bei gleichzeitiger Unerlösbarkeit und die strukturelle kommunikative Überforderung treffen heute auf eine andere Politikergeneration. Das soldatische Ethos, das die de Maizières und Münteferings noch verströmten, verdunstet allmählich aus dem Regierungsviertel. Die heute 30- bis 50-Jährigen sind achtsamer und absprungbereiter.

Sichtbar wurde diese Entwicklung erstmals mit Philipp Rösler. Kaum zum FDP-Vorsitzenden gewählt, verkündete der damals 38-Jährige, mit 45 sei Schluss für ihn mit der Politik. Es gebe ja noch anderes im Leben. Schluss für ihn war dann noch früher, aber darauf kommt es hier nicht an. Dass ein Politiker mit dem Erreichen seines größten parteiinternen Ziels – des Vorsitzes – zuerst über seine Work-Life-Balance redete, war neu. Politiker gehen auf im Beruf, klammern sich an ihr Amt: Das war die Öffentlichkeit gewohnt. Doch für viele jüngere Politiker gilt wie für Altersgenossen in anderen Jobs auch: Der Beruf ist nicht alles. Sie bewahren sich eine innere Distanz zu der Maschine, in die man jeden Morgen hineinsteigt, nur um abends ziemlich zerbeult und mit schmerzenden Knochen wieder herauszukriechen.

Konstantin Kuhle gilt als kommender Mann in der Lindner-FDP. In wenigen Monaten im Bundestag hat der 30-Jährige sich als innenpolitischer Sprecher der Fraktion ein fachliches Ansehen erworben, von dem manch altgedienter Abgeordneter träumt. Die Tagesschau sendet seine Statements, und vor Kurzem gelang ihm mit einer Attacke auf die AfD sogar das Kunststück, aus einer Bundestagsrede einen viralen Hit zu machen.

Wenn man mit Kuhle über sein erstes Jahr im Bundestag spricht, kann er begeistert von den guten Momenten erzählen. Von den gelungenen Anträgen, dem Teamgeist in der Fraktion. Aber er erzählt auch vom Verschleiß, den er an sich selbst bemerkt. In Sitzungswochen, sagt Kuhle, fühle er sich wie früher, wenn er als Kind zu warm angezogen in ein Kaufhaus ging. Ein schwitziger Film liege auf seiner Haut, während er zu den Terminen hetze, Ausschuss, Interview, Hintergrundgespräch, Plenum, anschließend sitze er bis tief in die Nacht am Schreibtisch. Nach einer solchen Woche sei er zuletzt eigentlich immer krank geworden. Er sagt, er habe sich vorgenommen, gelassener zu werden. Vor einiger Zeit hat er sich eine Meditations-App auf sein Handy geladen. Aber häufiger als zweimal im Monat hat er bislang noch nicht meditiert.

Kuhle sagt, er wolle sich nicht beklagen. Doch wenn man ihn fragt, ob er sich vorstellen könne, die nächsten 20 Jahre im Bundestag zu sitzen, zuckt er mit den Schultern und sagt: "Ich stelle mir das rein physisch schwierig vor."