Eigentlich ist es gar nicht so wild. Sie müssen sich nur ein paar Zahlen merken, dann wird alles gut. Denken Sie bitte an die Fünf, die 16, die Acht, die 20 sowie die 22. Die 10.000 wäre gut, besser 15.000, unbedingt die Sieben und in jedem Fall die Zwölf, dazu noch 150, Drei, 0,1 und, ginge es nach den Experten, endlos viel mehr.

Beobachtet man die Sachbuch-Bestenliste, Magazine zu Lifestyle und Ernährung oder auch nur die Internetauftritte populärer Medien, ist es, als habe jemand einen geheimen Wettbewerb ausgerufen. Das Ziel: eine Zahlenkombination zu verkünden, die bewirkt, dass alle Menschen, die sie kennen, augenblicklich gesund, ausgeglichen und für immer glücklich werden.

"Diese fünf Lebensmittel musst du essen, um ...", "An diesen zehn Zeichen erkennen Sie, ob ...", "Sieben Tipps gegen ...", "Achtzehn Ratschläge für ..." – so klingt es heute, wenn Ernährungs-, Beziehungs- oder Aufräumspezialisten ihre Ratschläge unter die Menschen bringen. Ein Selbsthilfe-Sound in Codes, in PINs, nicht für Handys, sondern fürs Leben. Ein neuer Grafzahlismus, der das Zählen feiert wie einst die Sesamstraße, diesmal allerdings nicht mit dem Ziel, gute Noten in Mathe zu bekommen, sondern zufrieden und fit zu werden.

Denn um das Glück zu erreichen, so die Tippgeber, müsse man einfach nur ein paar simple Regeln befolgen, wobei allein die gängigsten von ihnen schon zu einer straffen Tagesstruktur führen: 1. früh aufstehen (fünf Uhr, Meditieren), 2. erst mittags frühstücken (16/8-Intervallfasten, gut für die Zellreinigung), 3. vor die Tür gehen (20 Minuten, gegen Depression und Bluthochdruck), 4. sich bewegen (10.000–15.000 Schritte, siehe oben), 5. abends zeitig den Bildschirm ausschalten (22 Uhr, sonst schlechter Schlaf), davor bitte 6. nicht mehr als 100 ml Alkohol (gesteigertes Krebsrisiko) und zum Essen 7. sieben Walnüsse für den Omega-3-Bedarf, 150 Gramm Hülsenfrüchte, drei Portionen Vollkornprodukte.

Puh.

Es hat wohl niemand erwartet, dass es leicht wäre, sein Leben zu ändern. Der Wahn allerdings, mit dem mittlerweile jeder Lebensbereich in Zahlen gepresst wird, ist beachtlich. Durchs Zählen wird zunächst alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist, pathologisiert ("Acht alltägliche Dinge, die uns dümmer machen", "Fünf Fehler, die wir alle beim Staubsaugen machen", "Schlechte Kitas: 15 Fragen, die Eltern stellen sollten"), nur um im nächsten Schritt wieder per Berechnung geheilt zu werden ("Fünf Liebeserklärungen, die schöner sind als die drei magischen Worte", "Sieben Dinge, die jeder vorm Ins-Bett-Gehen machen sollte, um im Job inspirierter zu werden", "55 Irrtümer im Umgang mit Geld und 55 Tipps, wie Sie es besser machen").

Welche Sehnsucht steckt hinter diesem neuen Bezifferungswahn?

Es mag der ewige Wunsch nach Orientierung in der großen, weiten Welt sein. Menschen suchen feste Regelwerke, die am Anfang des Lebens von Kitas und Eltern ("Ich zähle jetzt bis drei!") aufgestellt werden und später in Gestalt von Angehörigen und Pflegern wiederkehren ("Haben Sie Ihre Tabletten genommen?", "Denk daran, genug zu trinken!"). Die neuen Ratgeberregeln stopfen hier gewissermaßen biografische Lücken, die in der Mitte klaffen. Doch vermutlich ist das nicht alles.

Wo immer mehr Vorsorgeuntersuchungen, Studien und Statistiken bedrohliche Daten ausspucken ("Jeder zweite Deutsche erkrankt an Krebs"), braucht es zumindest die Illusion von Handlungsfähigkeit. Nicht zufällig sind die meisten Tipps tatsächlich Formeln ("12 Stunden Fasten + 8 Stunden Essen = Gesundheit"). Denn nur aus denen spricht vermeintliche Objektivität und damit Wirkungsmacht. Nicht wenige von ihnen funktionieren ja auch. Es sind nur leider einfach viel zu viele. Und jeder, der auch nur annähernd versucht, alle gleichzeitig umzusetzen, muss wahnsinnig werden.