Will man festmachen, was die Menschen zwischen Feldkirch und Hainburg an der Donau verbindet, landet man bei wachsenden Ängsten und Sorgen. Im Jahr 2011 gaben 53 Prozent der Österreicher und 51 Prozent der Deutschen an, "Halt im Leben" zu suchen. Während dieser Anteil in Deutschland heute nur mehr bei 45 Prozent liegt, stieg er in Österreich auf 63 Prozent an. Auch Aussagen wie "Unser Wohlstand wird zurückgehen, und unseren Kindern wird es schlechter gehen als uns selbst" oder "Man kann sich nirgends mehr wirklich sicher fühlen" stimmen jeweils mehr als zwei Drittel der Österreicher zu.

Statt einer German angst scheint es vielmehr so etwas wie eine Austrian angst zu geben. Woher rührt diese? "International geht man davon aus, dass die steigende Überkomplexität einer globalisierten Welt Unsicherheit erzeugt", sagt Bertram Barth. "In Österreich scheint es sich aber um eine spezifische Angst zu handeln, die auch von wenig individuellem und nationalem Selbstvertrauen herrührt."

Die kleine Nation, die nach dem Ende der Monarchie große Schwierigkeiten mit ihrer Identitätsfindung hatte, tut sich noch immer schwer. "Man fühlt sich alleingelassen in der großen weiten Welt", sagt Barth. Er glaubt: Der EU-Beitritt, die Öffnung der einst eisernen Grenzen gen Osten, sie haben zur Verunsicherung beigetragen. "Parallel haben wir in Österreich einen speziellen Rechtspopulismus, der ebendamit seit den Achtzigerjahren erfolgreich spielt."

Freilich lässt sich die zunehmende Besorgtheit nicht nur den Freiheitlichen in die Schuhe schieben. In den vergangenen zwei Jahren hat auch Sebastian Kurz mit seiner gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung, er habe die Balkanroute gewissermaßen mit eigenen Händen und gegen allen Widerstand aus dem europäischen Ausland geschlossen, die Verunsicherung strategisch klug auf die Sorgenkarte gesetzt. Das Signal: Seht her, ich bin es, der endlich unsere österreichischen Interessen gegen die da draußen durchsetzt.

Ein Rolle spielt offenbar auch das Medienverhalten. Österreicher informieren sich, so Eurobarometer-Untersuchungen, stärker als andere Europäer über soziale Medien. 70 Prozent aber, so die Studie von Integral und T-Factory, finden: Man könne nicht mehr glauben, was berichtet wird.

Wenn das Weltgeschehen rundherum und die eigene Zukunft bedrohlich wirken, zieht man sich lieber in einen Kokon zurück: Schon in den Jahren der globalen Wirtschaftskrise ließ sich diese Reaktion in den westlichen Konsumgesellschaften beobachten. Der Rückzug ins Vertraute, Private, Heimische hat verschiedene Gesichter: Man kann nach geschlossenen Grenzen und Law and Order rufen, ebenso aber kann man sich dem Balkongärtnern oder dem einzukochenden Marmeladenobst widmen, sich in Wohlfühlmagazinen wie Landlust, Landliebe oder Landglück verlieren – oder ganz einfach ein Stückchen von der guten, wohlbekannten und überschaubaren Heimat auf den Teller legen.

Die Nachfrage nach Regionalem spiegelt sich in dem Zulauf wider, den Bauernmärkte erfahren, in den wachsenden Direktversorger- und Ab-Hof-Angeboten. Touristiker setzen auf die Schlagworte authentisch, typisch, regional, Spitzenrestaurants auf heimische "Schmankerln", selbst Fast-Food-Riesen werben damit, dass die Erdäpfel für ihre Pommes aus Österreich kämen.