Mein Glück auf Reisen wiegt exakt 930 Gramm: ein kleines blaues Säckchen, das sich in meinen Tagesrucksack packen lässt und das ich immer dabeihabe. Immer. Darin befindet sich ein Aluminiumskelett, das man zusammenstecken kann, zart wie ein Blättergerippe. Und eine Stoffhülle, die über die Konstruktion gespannt wird, sodass ein Stuhl entsteht. Darauf kann ich sitzen. Egal wo auf der Welt.

Eigentlich bin ich jemand, der sein Gepäck auf fast absurde Weise gewichtsoptimiert. Ich säge manchmal sogar den Griff einer Zahnbürste ab, um Gewicht zu sparen. Doch dann war ich auf einer Urwald-Expedition in Kolumbien. Sechs Tage lang. Ich trug mein ultraleichtes Gepäck durch die Wildnis, voller Stolz. Aber: Ich konnte nicht sitzen. Der Boden war zu nass dafür und zu gefährlich, wegen der Schlangen. Jeden Abend kauerte ich also fluchend in der Hocke vor dem Lagerfeuer; oder auf Steinen, bis der Hintern schmerzte. Ich lehnte mich an Bäume, nur um von irgendetwas gebissen zu werden. Sechs Tage lang vermisste ich zwar nicht die Zivilisation, aber sehr wohl eine Sitzgelegenheit.

Deswegen bekam ich den Reisestuhl von meiner Freundin geschenkt. Seitdem ist er in jedem Land dabei. Unter den ungläubigen Blicken meiner Mitreisenden habe ich ihn an den irrsten Orten aufgestellt (Aufbau- und Abbauzeit: 30 Sekunden): auf dem Scheitel glühend heißer Sanddünen in der Namib, auf Fähren im Indischen Ozean. Selbst im winzigsten Hotelzimmer in Tokio hatte ich plötzlich eine gemütliche Sitzecke. An Flughäfen Schlange stehen? Nicht mit mir!

Der Stuhl ist nebenbei nicht nur praktisch, er bringt einen auch mit Wildfremden ins Gespräch. Wer an unmöglichen Orten sitzt, bekommt Fragen gestellt (Was kostet der? Und du hast ihn wirklich immer dabei?). Oder Häme zu hören (Na, wenn man’s unbedingt bequem haben muss...).

Doch auch der größte Spötter gibt, wenn ich ihn mal Platz nehmen lasse, diesen Laut von sich: vergleichbar mit dem Ausatmen, wenn man sich nach einem langen Tag aufs Bett legt und die Beine von sich streckt.

Mein Stuhl hat nichts gemein mit den klobigen Klappgestellen samt Bierflaschen-Halterung, wie man sie früher auf Campingplätzen sah. Oder mit den fingerkuppenkappenden Monstern unserer Kindheit. Er ist ein Meisterwerk, funktional, schlicht, perfekt. Ein Stuhl wie ein Haus von Frank Lloyd Wright. Er gehört einer ganzen Generation von neuem, ultraleichtem Reisemobiliar an: Stühle, die sogar nur 450 Gramm wiegen und über Kickstarter finanziert werden. Hängematten samt Zeltdach, die man in Bäume hängt. Tische, Liegen, Ohrensessel. Dank Carbon und Segelstoff muss eine komplette Zimmereinrichtung nur noch 2,5 Kilo wiegen.

Vielleicht ist meine Begeisterung kauzig, ein Reisestuhl spießig. Eine Insignie des Erwachsenwerdens bei mobilen Menschen. Aber für die Möglichkeit, die Welt im Sitzen zu sehen, bin ich bereit, meine Jugend aufzugeben.