Simon Strauß hat es schwer. Auch die Ich-Erzähler seiner beiden schmalen Bücher haben es schwer. Sein erstes Buch Sieben Nächte erschien vor zwei Jahren. Darin klagte ein junger Mann über die Lauheit und die Alltäglichkeit der modernen Angestelltenwelt. Er beschwerte sich über "impertinente Postheroik" und die "dumpfe Zufriedenheit" der deutschen Wohlstandsbürger, die Himmel und Hölle nicht mehr fürchten. Die Sieben Nächte waren eine Art Junggesellenabschied vom gefährlichen Leben. In sieben Nächten wollte ein jugendlicher Erzähler in sieben Mutproben noch einmal das Äußerste wagen, noch einmal tief fühlen, tief fallen, tief denken, noch einmal das heiße Herz wild in der Brust schlagen hören – dann, so sagte er, kämen die Festanstellung und die Schonkost des Alltags.

Das Buch erregte Aufsehen. Die einen feierten das frische Pathos und die schöne Leidenschaft des jungen Autors. Andere hielten seine Polemik gegen das saturierte Wohlstandsleben für eine treuherzige Nachahmung klassischer konservativer Zivilisationskritik, wie sie vor allem von Simon Strauß’ Vater Botho Strauß schon vorgetragen wurde, der seit Jahrzehnten seine machtvollen Donnerworte gegen das postheroische, geheimnislose Personal der Bundesrepublik schleudert. Seither galt der 30-jährige FAZ-Feuilletonredakteur vielen als schöngeistiger Neurechter, was dem jungen Stürmer und Dränger unrecht tat, der emphatisch und grundsätzlich auch nicht unsympathisch an den Gitterstäben einer unromantischen Schmalspurexistenz rüttelte.

Das zweite Buch von Simon Strauß zielt erneut in das modernekritische Leidensgebiet. Dieses Mal steht keine Mutprobe, sondern die klassische Italienreise eines deutschen Intellektuellen auf dem Therapieplan seines Erzählers, der nach Rom "geflohen" ist, um "die Gegenwart abzuschütteln" und den "Discountermienen" der Leute "mit ihrem besinnungslosen Blick" zu entkommen. Rom soll ihm zur "Heilanstalt" werden. Für ein paar kostbare Wonnemonate findet der geplagte junge Mann Zuflucht in einem Appartement gegenüber der Casa di Goethe, darf in den Fußstapfen der großen deutschen Italienfahrer wandeln und sich ein paar Gedanken über "unseren kurzen Aufenthalt auf der Erde", über Deutschland als "Pflanzschule für Bewusstsein und Fühlvertrauen" und über die Kirche als "Schutzraum für unsere aufgeriebenen Gemüter" machen. Auch dies ein vollkommen verständliches Anliegen, das nur dadurch getrübt wird, dass auf der Tonspur dieses kurzen Rom-Buches eine erstaunlich große Menge längst vergessener Festtagsrhetorik Platz findet.

Auch die römischen Tage, von denen erzählt wird, haben eine seltsam antiquarische Note. Wenn der Rom-Fahrer nicht gerade mit einer "Schönen" auf Freiersfüßen durch die Stadt streift, besucht er zahllose Kirchen und beinahe noch mehr alte Historiker, Generale und Kardinäle. Die Gespräche mit den Herren aus Militär und Kurie besänftigen sein wundes Herz, das ihn vom ersten Reisetag an so schmerzt, dass er sich einmal sogar mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme eines Krankenhauses fahren lässt.

Beide Bücher von Simon Strauß sind programmatische Essays, die vom Ennui junger Menschen aus der akademischen Oberschicht in der angeblich so mausgrauen Gegenwart erzählen. Ging es im Debüt Sieben Nächte noch um die kurzfristige Lebenssteigerung und den Vitalismus eines großmundigen Schwärmers, der "noch ans Geheimnis" glauben und "groß ansetzen" wollte, wird in Rom, wo den erlösungsbedürftigen Jüngling das Gefühl befällt, "Teil der Jahrtausende zu sein", nach einer romantischen Heilsidee gesucht, die ihn wieder aufrichten kann, wenn er demnächst im überfüllten Bordbistro zwischen Kassel und Fulda feststeckt. Einer echten "Gegeninstanz" zu den wohlstandsverwahrlosten Verhältnissen, aus denen er seiner Ansicht nach kommt.

Was könnte das sein? Die Demokratie, zumal in ihrer augenblicklichen italienischen Verfassung, wohl kaum. Der Rom-Fahrer beobachtet, wie die Abgeordneten während der Parlamentsdebatten gelangweilt ihre Prada-Einkaufstüten sortieren und auf ihrem Handy die Aktienkurse studieren. Dann vielleicht die römische Kirche? Schon eher. "Vielleicht", denkt der junge Mann, "kann am Ende wirklich nur die Religion es mit dem Markt aufnehmen." An einem heißen Augusttag erklärt er einer italienischen Nachrichtensprecherin, mit der er in einem römischen Sportclub Pasta isst, sein Programm für ein erneuertes Europa, das "Hoffnung auf eine höhere Ordnung macht" und bei dem "Seelenreinigung" und "Wiederverzauberung" über dem Eingangstor stünde. Die italienische Nachrichtensprecherin versteht leider nicht, was der deutsche Träumer meint. Der deutet immerhin an, dass er es selbst auch nicht so genau weiß und die übergroßen abgenutzten Worthülsen der konservativen Zivilisationskritik im jugendfrischen Überschwang wie Kostüme anprobiert, obwohl sie ihm nicht stehen und nicht passen.

Simon Strauß hat ein Rom-Buch geschrieben, in dem die gegenwärtige Welt, das gegenwärtige Rom kaum vorkommen – sieht man von einem Kurzbesuch in einem römischen Flüchtlingslager und ein paar Wirtshausgesprächen ab. Es ist ein Buch, das leidensstolz und kulturfromm ein Fantasie-Rom abschreitet, von dem Kurienkardinäle und Archivare träumen – die Ewige Stadt der Sehnsüchte und Zitronenbäume, in der sich die imperiale lateinische Ordnung und deren katholische Fortschreibung an jeder Ecke Guten Tag sagen, um ein angegriffenes Hasenherz zu erquicken.

Simon Strauß: Römische Tage. Tropen Verlag, Stuttgart 2019; 142 S., 18,– €, als E-Book 13,99 €