Für Sehnsuchtsanwandlungen braucht es manchmal wenig. Ein Wort kann schon reichen. Es taucht auf, nistet sich ein in Gefühle und Gedanken und muss Gestalt annehmen, sonst macht es einen kirre. Mein Sehnsuchtswort: Waldeinsamkeit. Eine Weltflucht zu Vogelzwitschern, Blätterbrausen und Stämmeknarren im grünen Licht der Kronendächer.

Erleben will ich diese Dinge im Schwarzwald. Und das glaubt mir keiner. Deutschlands höchstes Mittelgebirge ist für fette Sahnetorten, lustige Hüte und kitschige Wanduhren bekannt. Im Norden gibt es außerdem die Schwarzwaldhochstraße, eine legendäre Ferienroute, die sich zwischen Baden-Baden und Freudenstadt von Hotel zu Hotel schlängelt. Doch ausgerechnet im Schwarzwald will man der Wildnis mehr Raum lassen und sie erfahrbar machen. Deshalb gibt es seit 2014 einen Nationalpark, der sich auf 100 Quadratkilometern rund um die Hochstraße erstreckt. Und neben verschiedenen Themenpfaden auch sechs "Trekking-Camps", von denen ich eines für den Anfang der Reise gebucht habe. Sie sind zu Fuß zu erreichen und bieten bloß eine Feuerstelle, ein Klohäuschen und behördlichen Segen.

Am Rand des Nationalparks wandere ich zwei Stunden lang kreuz und quer über Wege und Pfade. Markierungen gibt es keine, die GPS-Daten weiß ich nicht. Meine Landkarte ist bald ein feuchter Lappen: Schon auf dem Wanderparkplatz hat der Regen eingesetzt. Dann erkenne ich endlich das Camp Grimbach in der grünen Tiefe des Buchenwaldes. Ich baue das Zelt auf, krieche hinein, schaue hinaus. Der Regen fällt jetzt nicht mehr, er steht. Eine graue, kaum durchsichtige Wand. Stunde um Stunde geht dahin. Früher als gedacht muss ich den Kirschschnaps für seelische Notlagen anbrechen. Doch weder Gemüt noch Wetter hellen sich auf. Stattdessen macht sich der Wind über die Kammlage her. Er ist wie ein Kleinkind, das sich in sein Heulen hineinsteigert, bis es durch nichts zu besänftigen ist. Orkanböen schleudern Äste nach dem Zelt, dann rinnt das Wasser durch die Planen. Durchnässt trete ich den Rückzug zum Auto an und staune über die jetzt reißenden Bäche. Ist der Schwarzwald zu wild für mich? Das Kuckucksuhrenidyll?

Es ist fast dunkel, als ich auf der Schwarzwaldhochstraße gen Süden fahre. Sie wurde 1930 gebaut, um Gäste schneller zu einem guten Dutzend alteingesessener Nobelherbergen zu bringen: Im Kurhaus Sand gastierte schon 1883 Kaiserin Sissi von Österreich, im Schlosshotel Bühler Höhe erholte sich 70 Jahre später Konrad Adenauer. Nach und nach tauchen die Paläste am Straßenrand auf: Die Fenster sind vernagelt, die Schindeln aus der Fassade gebrochen, die Eingänge mit Bauschutt-Containern verstellt. In den Achtzigerjahren begann der Tourismus zu stottern.

Ich komme unter im Schliffkopf – einem der zwei Hotels, die entlang der Straße noch in Betrieb sind. Zum Aufwärmen schlappe ich in die Saunalandschaft. In einem Schwitzbad fächert waldgrünes Licht über die Wände, aus Lautsprechern höre ich Bäche klickern und Vögel tschilpen. Ein irrer Kitsch. Trotzdem seufze ich. So hätte es sein können in meinem Camp!

Das Hotel Schliffkopf verkörperte nie die weite Welt, es hat sich aus einem Vereinsheim entwickelt. 1991 brannte das Hotel nieder und wurde als Wellnesspalast neu eröffnet. Der Frühstückssaal erinnert wohl deshalb an die Kulisse einer frühen RTL-Show: viel Apricot, Gold und Kirschrot, marmorierte Säulen, Scherenschnitte in Kunststoffrahmen. Manche Gäste tragen Hausschuhe, die Bedienungen alle Dirndl. Meine spricht ein diminutivverliebtes Schwäbisch, in dem sich wahrscheinlich die schlimmsten Dinge sagen lassen, ohne dass es auffällt. Sie fragt nach dem Nächtle, bringt Messerle und Gäbele. Hinter den Fenstern wabert unterdessen ein Wolkengebräu, das immer wieder aufreißt und den Blick freigibt auf Wälder bis an den Horizont. Beim zweiten Honigbrötchen hält es mich nicht mehr, ich muss hinaus.