Die Nachwelt sah Karl den Großen als überragenden Herrscher. Auch Albrecht Dürer, der um 1511 ein berühmtes Gemälde des Kaisers schuf © Abb.: "Karl der Große" um 747–814 von Albrecht Dürer; Fotos: Meßberger/Germanisches Nationalmuseum/bpk

Karl der Große hatte versagt. Während in Konstantinopel in nur wenigen Monaten 336 Kilometer Aquädukte und Leitungen gebaut, in Bagdad die sogenannte Rundstadt mit mehr als vier Quadratkilometern Fläche errichtet und in China ein 150 Kilometer langer Kanal angelegt wurden, scheiterte der Frankenkönig an einer 3000 Meter langen Verbindung zwischen der Donau und dem Rhein. Die Großbaustelle war eine Zeit lang das Prestigeprojekt des Herrschers. Und versank im Herbst 793 schlussendlich im mittelfränkischen Schlamm. Karl der Große war nicht einmal im Ansatz in der Lage, so viele Ressourcen zu mobilisieren wie andere Weltreiche seiner Zeit.

Der Wiener Byzantinist Johannes Preiser-Kapeller stellt die Episode an den Anfang seiner aktuellen Globalgeschichte der Spätantike und des frühen Mittelalters. Jenseits von Rom und Karl dem Großen erzählt auf nicht einmal 300 Seiten ein halbes Jahrtausend Weltgeschichte, vom Jahr 300 bis 800.

Preiser-Kapeller von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschreibt die weiträumigen Verbindungen, die Kommunikation und Mobilität der Zeit. Wie periphere Regionen mit den Zentren zusammenhingen und welche Wechselwirkungen einzelne Ereignisse erzeugten. Wie zum Beispiel die Kriege Ostroms mit den Persern und Arabern sich immer weiter ausbreiteten und Byzanz im Nordkaukasus mit den Köktürken wichtige Verbündete fand, was wiederum Auswirkungen auf die Seidenstraße und die chinesische Tang-Dynastie hatte. Er erzählt die Auswirkungen der justinianischen Pest, die zwar längst in Vergessenheit geraten ist, die Welt aber nachhaltig veränderte. Und er erinnert an das "globale Staubschleierereignis", einen Vulkanausbruch, der ab dem Jahr 535 den Himmel Chinas verdunkelte, zu schweren Hungersnöten führte, auch im heutigen Europa Auswirkungen hatte und von dem ebenso Texte der Maya im heutigen Südamerika berichten.

Seit das Buch erschienen ist, hat es für viel Aufsehen gesorgt. Selbst auf internationalen Fachkonferenzen wurde es erwähnt – selten genug für eine rein deutschsprachige Publikation.

Es ist kein Zufall, dass das Buch in Wien erschienen ist. Denn die Erforschung des Altertums hat eine lange Geschichte in der Stadt.

Nach 1848 kam das Fach Alte Geschichte an den österreichischen Universitäten an. Durch einen reinen Zufall landete zudem eine der größten Sammlungen antiker Papyri ebenfalls in Wien. Ein Antiquitätenhändler fand in den 1880er-Jahren in einer Oasenlandschaft südlich von Kairo zwischen dem Abfall antiker Siedlungen alte Papyri und schickte einige davon nach Wien. Josef von Karabacek, damals Professor für orientalische Sprachen an der Universität Wien, erkannte den Schatz. Die Habsburger kauften, was sie kriegen konnten: Ägyptische Totenbücher aus dem 2. Jahrtausend vor Christus, koptische Bauernkalender oder die älteste Partitur der Welt, ein Lied mit Musiknoten aus der Tragödie Orestes von Euripides. 4000 Jahre Kulturgeschichte kamen so nach Wien. Dazu kommt der bedeutende Fundort Carnuntum, ein früheres römisches Legionslager, das ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert von Wissenschaftlern aus aller Welt erkundet wird. Wiener Forscher sitzen so direkt vor einigen der wichtigsten Quellen. Und daraus entwickelte sich über die Jahrzehnte eine lange Forschungstradition. Wien gilt spätestens seit den Sechzigerjahren und dem Historiker Herbert Hunger als das internationale Zentrum der Byzanzforschung.

Johannes Preiser-Kapeller hat bereits einiges über Byzanz geschrieben, jenes Imperium, das von der Antike bis weit in das Mittelalter hinein bestand und das Verbindungsglied zwischen den Epochen ist. Er hat aber auch viel über globale Verflechtungen der Zeit geforscht. Er führt Mathematik, Informatik, Archäologie und Geschichtswissenschaft zusammen, füttert Datenbanken mit Namen sowie Urkunden, wertet mithilfe von digitalen Netzwerkanalysen die Strukturen von Führungseliten aus, sucht nach verborgenen Auslösern von Bürgerkriegen und spürt Handelsverflechtungen nach. Digital Humanities nennt sich diese Methode, die verstaubt wirkende Bücherwissenschaften in moderne Forschungsrichtungen verwandelt hat.

Wer an sein Buch mit dem Schulwissen über das Mittelalter herangeht, dessen Bild der Welt wird ordentlich zurechtgerückt. Karl der Große erscheint dann nicht mehr als überragende Gestalt, sondern nur noch als einer von vielen Herrschern – und in dieser illustren Runde ragt er nicht sonderlich heraus.

Von vielen Reichen, Herrschern und Ereignissen werden die meisten Leser noch nie gehört haben. Preiser-Kapeller überwindet mit Leichtigkeit mit wenigen Worten Tausende Kilometer. Oft legt er in einem einzigen Absatz gleich mehrere Kontinente zurück. So rückt sein Buch das eurozentristische Weltbild zurecht und lehrt ebenso ein wenig Demut.

Johannes Preiser-Kapeller: Jenseits von Rom und Karl dem Großen. Aspekte der globalen Verflechtung in der langen Spätantike, 300–800 n. Chr.
Mandelbaum Verlag, Wien 2018; 292 S., 19,90