Georg Flegel: Stillleben mit "Wein und Konfekt, Maus und Papagei" (Alte Pinakothek München) © Blauel/​Gnamm/​ARTOTHEK

Wer hat denn diesen Tisch gedeckt – und mit welcher Absicht? Das mag sich ein Betrachter des seltsamen Sammelsuriums, das Georg Flegels Gemälde zeigt, fragen: Münzen, eine weiße Nelke, Zuckerteilchen, anderthalb Walnüsse, zwei Birnen, einige Trauben, zwei rote Käfer, mittendrin eine Maus, eine mit Nüssen und Trockenfrüchten gefüllte Porzellanschale, ein Papagei mit rot-grünem Gefieder, ein halb gefülltes venezianisches Weinglas. Was heute ein Fall fürs Gesundheitsamt wäre, war im 17. Jahrhundert ein Motiv eines aufkommenden Sujets: des Dessertstilllebens.

Während der Handel mit der Neuen Welt Nord- und Südamerikas zu florieren begann, entstand in den protestantischen Niederlanden eine neue Esskultur. Delikatessen wurden zu repräsentativen Luxusgütern, Kandiszucker wurde aus tropischen Regionen importiert und löste Honig als Süßungsmittel ab. Adlige und reiche Kaufleute feierten Festmahle mit sechs bis neun Gängen – und ließen diesen Reichtum gerne in Öl festhalten, natürlich nie ohne gleichzeitig Demut mithilfe religiöser Symbole zu demonstrieren. So lösten sie die Kirche, in der ein strenges Bilderverbot galt, als wichtigste Mäzenin ab. Die Künstler gingen in Fragen des Motivs und der Größe eines Werkes auf die Wünsche ihrer neuen Auftraggeber ein, ja wichen für diese sogar von ihrem individuellen Stil ab. Viele spezialisierten sich etwa auf Seestücke, Porträts oder – im Fall von Georg Flegel – Stillleben.

Flegels Motiv eines gedeckten Tischs mit Maus existiert darum auch in mehreren Varianten, die nur leicht voneinander abweichen. Einige davon wurden möglicherweise für den freien Markt geschaffen. Das Bild aus der Alten Pinakothek in München ist dabei am aufwendigsten ausgeführt. Es vermittelt eine zweigeteilte, traditionelle Botschaft jener Zeit: Einerseits zeigt es mit dem Zuckerkonfekt irdisch-sinnliche Genüsse, andrerseits soll es Vergänglichkeit anmahnen. Die ästhetische Präsentation der Luxusgüter und Delikatessen wird durch religiöse und moralische Kritik, verankert in versteckten Symbolen, gebrochen. Was der Betrachter von heute kaum auf Anhieb entschlüsseln kann, war dem damaligen Publikum als Symbolkanon vertraut. Im Zentrum steht ein Gegensatzpaar: Die graubraune Maus (unten), bereits im Alten Testament als unreines Tier verdammt, steht für niedere, böse Instinkte, mithin für die Sünde. Der Papagei (oben) mit seinem leuchtenden Gefieder ist ihr positives Pendant, er gilt als Mariensymbol (der Grund erscheint heute kurios: Als einziges Tier konnte er "Ave" aussprechen, jenen Gruß, den der Verkündigungsengel Maria zugerufen haben soll und der zudem ein umgedrehtes "Eva" ist, die durch die Ursünde als Gegenbild Marias gilt).

Die Nüsse und getrockneten Früchte, über die er wacht, symbolisieren christliche Prinzipien, so erinnert die Feige etwa an den Sündenfall. Für das Kreuz Christi steht die Walnuss mit ihrer hölzernen Schale, mit ihrem Inhalt, der süßen Frucht, für seine göttliche Natur. Die Birnen symbolisieren seine Menschwerdung, während die Weintrauben und das Weinglas an sein Blut, also sein Opfer, erinnern. Die Nelke wurde seit dem Mittelalter wegen ihrer Nagel-Form als Hinweis auf die Passion Christi gelesen. Wie die Maus und auch die Käfer ist sie ein Vanitassymbol, eine Erinnerung also daran, dass durch sinnliche Genüsse das Seelenheil auf dem Spiel steht. Die Münzen schließlich sind nicht eindeutig zuzuordnen. Sind sie gemäß der Moral der Entstehungszeit des Bildes, um 1590, ein Hinweis auf die grundsätzliche Frage, ob man Reichtum lieber in Form von Luxus genießen oder doch in Geldanlagen vermehren sollte? Im Gegensatz zu Delikatessen verfallen Geldstücke nicht. Doch wer an das Gleichnis vom Geldwechsler, etwa von Rembrandts Hand ("Kunst und Geld" Nr. 5, ZEIT Nr. 12/19), denkt, kennt auch das Motiv, wonach das letzte Hemd keine Taschen hat.

Fragen von Luxus und Reichtum stellten sich Flegel selbst wohl kaum. 1566 in Olmütz geboren, hatte er in Linz bei einem Niederländer gelernt und wuchs so in die Tradition dieser Malerei. Mit seiner Frau und sieben Kindern, die er alle überleben sollte, war er nahe Frankfurt am Main in einfachen Lebensverhältnissen zu Hause. Maler wurden damals als Handwerker verstanden und entsprechend vergütet. Einige Kollegen Flegels handelten deshalb nebenbei mit Tulpenzwiebeln, Korken oder Seide. Der Preis eines Bildes, erklärte einst Flegels Zeitgenosse, der flämische Maler Peter Paul Rubens, hänge am Ende von der Anzahl der gemalten Gegenstände und Figuren ab sowie von deren künstlerischer Qualität. Eine Regel übrigens, die der Hofmaler der spanischen Krone für sich selbst nicht gelten ließ – er rechnete nach Arbeitsstunden ab.