Für Leonie Behrens steht fest: Man muss keine männlichen Küken töten. Auf dem Fürstenhof, einem Zusammenschluss von 19 familiengeführten Biohöfen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, wachsen die jungen Hähne zusammen mit den Legehennen auf. "Bruderhähne" werden sie genannt.

Die Kunden zahlen pro Bio-Ei vom Fürstenhof vier Cent mehr. Dafür werden die männlichen Tiere nicht sofort nach dem Schlüpfen getötet – so wie in konventionell arbeitenden Betrieben. "So finanziert die Henne ihren Bruder mit", sagt Behrens, die für Vermarktung und Vertrieb zuständig ist. "Als wir das Konzept vor sieben Jahren vorstellten, hat man uns noch ausgelacht. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher bereit sind, dafür einen höheren Preis zu zahlen. Aber die Zahl unserer Kunden wächst." Heute verkaufen diverse Biomarkt- und Supermarktketten die Fürstenhof-Eier. Das Fleisch der Bruderhähne wird über Bioläden vermarktet.

Die Öko-Landwirte bedienen damit einen Nischenmarkt. Herkömmliche Brütereien sortieren die männlichen Küken oft gleich nach dem Schlüpfen aus, ersticken sie oder schreddern sie klein und verarbeiten sie zu Tierfutter. Jedes Jahr werden in Deutschland rund 45 Millionen Tiere auf diese Art getötet, weil sich ihre Aufzucht nicht lohnt. Das geschieht, obwohl der Tierschutz seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz verankert ist und obwohl das Tierschutzgesetz es verbietet, Tiere ohne "vernünftigen Grund" zu töten.

Wer es trotzdem tut, muss mit einer Geld- oder Haftstrafe rechnen. Doch meistens wird die Vorschrift auf Einzelfälle von Tierquälerei angewandt, nicht im Zusammenhang mit Massentierhaltung. Ein Grund: Bislang haben Gerichte die wirtschaftlichen Interessen der Brütereien so gut wie immer als "vernünftigen Grund" bewertet. Denn moderne Legehennen wurden eigens gezüchtet, um möglichst viele Eier zu legen. Fleisch aber setzen sie kaum an; deswegen bleiben auch die Bruderhähne eher klein. Und weil männliche Tiere naturgemäß keine Eier legen, lohnt sich ihr Leben aus Sicht der konventionellen Betriebe nicht.

Das Bundesverwaltungsgericht entschied in der vergangenen Woche anders. "Die Belange des Tierschutzes wiegen schwerer als das wirtschaftliche Interesse der Brutbetriebe, aus Zuchtlinien mit hoher Legeleistung nur weibliche Küken zu erhalten", lautete das Urteil. Tierschützer werteten es als Schritt in die richtige Richtung – kritisierten das Urteil aber trotzdem. Denn an der Praxis des Kükenschredderns ändert es zunächst nichts.

Das Gericht geht nämlich davon aus, dass es "in näherer Zukunft" möglich sein wird, das Geschlecht des Kükens schon nach wenigen Tagen Brut im Ei zu bestimmen. Das würde es den Brütereien ermöglichen, Eier mit männlichen Embryonen deutlich vor dem Schlüpfen zu vernichten. Falls die Methoden perfekt funktionierten, blieben nur die weiblichen Küken übrig, die dann zu Legehennen heranwüchsen. Entsprechende Verfahren gibt es, eines wird bereits praktisch erprobt. Die damit gewonnenen Eier sind in einigen Berliner Supermärkten unter dem Label "respeggt" zu haben und kosten pro Stück knapp zwei Cent mehr.

Ob es ethisch vertretbar ist, angebrütete Eier zu vernichten, ist umstritten. Doch darüber hatte das Bundesverwaltungsgericht nicht zu entscheiden. Die Richter gehen davon aus, dass sich die aktuelle Praxis ohnehin bald ändert, und sie wollten den Brütereien nicht zumuten, ihre Betriebe zweimal umstellen zu müssen: einmal, um "mit hohem Aufwand eine Aufzucht der männlichen Küken zu ermöglichen". Und dann ein weiteres Mal, um "voraussichtlich wenig später ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei einzurichten oder ihren Betrieb auf das Ausbrüten von Eiern aus verbesserten Zweinutzungslinien umzustellen". Unter diesem Begriff werden Hühner zusammengefasst, die im Gegensatz zu den derzeit gebräuchlichen Hochleistungsrassen nicht spezialisiert sind, sondern Fleisch und Eier gleichermaßen liefern.

Vom kommenden Jahr an sollen die deutschen Brütereien mit einer praxistauglichen Methode zur Geschlechtsbestimmung arbeiten können, erklärt das Bundeslandwirtschaftsministerium, das die Entwicklung der Verfahren mit rund fünf Millionen Euro fördert. Weitere drei Millionen fließen in die Unterstützung von Bruderhahn-Initiativen und die Züchtung von Zweinutzungshühnern. Die Alternativen zum Kükentöten stünden zur Verfügung, sagte Ministerin Julia Klöckner nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts: "Sie müssen aber auch rasch angewendet werden."

Auch der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft und konventionelle Züchter teilen mit, lieber heute als morgen mit dem Kükentöten aufhören zu wollen. Doch damit das möglich sei, müssten alle Brütereien bundesweit die neue Technik zur Geschlechtsbestimmung einsetzen können. Der Verband verlangt, die Maschinen müssten bei geringer Fehlerquote täglich etwa 100.000 Eier analysieren können.

Für Biobetriebe wie den von Leonie Behrens ist die Geschlechtsbestimmung im Ei ohnehin keine Option. Das Verfahren verlagere das Problem nur auf einen früheren Zeitpunkt, sagt Behrens. Zudem sei das Verfahren teuer und fehleranfällig. "Für konventionell erzeugte Eier wird es sich wohl durchsetzen", sagt sie. Ihre Erzeugergemeinschaft aber halte an den Bruderhähnen fest. "Und wir glauben, dass unsere Kunden uns dabei auch weiter unterstützen werden."