Lange Zeit waren Tokio Hotel als Teenieband verschrien. Als Jugendliche aus Magdeburg wurden sie 2005 mit "Durch den Monsun" schlagartig berühmt – und zu Hassfiguren aller, die in ihrem androgynen Pop (über sieben Millionen verkaufte Tonträger!) bloß "Plastikmusik" und "Kommerz" sahen. Unterdessen sind die Bandleader Bill und Tom Kaulitz in die USA gezogen. Gesungen wird nun auf Englisch und für ein bisweilen komplett neues Publikum. Kann das funktionieren?

DIE ZEIT: Seit 2010 lebt ihr in Los Angeles. Wie hat sich der Blick auf Deutschland gewandelt?

Bill Kaulitz: Uns gefällt es heute eigentlich besser. Wir sind nur noch Touristen im eigenen Land. Keine Verpflichtungen, man trifft ausgewählte Leute und lässt sich die schönen Sachen zeigen: neue Restaurants, neue Clubs, neue Bars ...

Tom Kaulitz: Aber wir verfolgen auch von drüben, was mit Deutschland los ist. Ich gucke Nachrichten – und die Bundesliga interessiert mich.

ZEIT: Welcher Verein?

Tom: (lacht entschuldigend) Bayern München.

ZEIT: Geht euch, was das Land umtreibt, also auch in der Ferne nahe?

Tom: Das bevorstehende Ende der Ära Merkel ist ja auch in Amerika ein großes Thema. Was für ein Einschnitt! Wir finden Merkel beide sehr wichtig – besonders für die Weltpolitik.

Bill: Sie ist in den USA ein Gegengewicht zu Trump, dafür fand ich sie immer super. Die Demokraten in Amerika haben sich mit dem Ende der Obama-Regierung und dem Wechsel zu Trump an Merkel festgehalten, ja festgeklammert. Auch wenn sie selbst diese Rolle als "Weltkanzlerin" nie in Anspruch nehmen wollte. Merkel war trotzdem ein Aushängeschild – und, ich kann es nicht anders sagen, auf sie und die Werte, die sie verkörpert hat, war ich die letzten Jahre in Amerika einfach stolz. Ich bin traurig, wenn ihre Zeit in der Regierung nun endet.

ZEIT: Ein ziemlich klares Bekenntnis.

Bill: Ja, wir würden auch gern mal mit ihr Kartoffelsuppe essen.

ZEIT: Aber weg von Merkel zu Tokio Hotel. Es existieren, was eure Band betrifft, sehr viele Projektionen in der Öffentlichkeit. Viele Fans wollen, dass ihr etwas verkörpert, was ihr gar nicht mehr seid. Wie seht ihr euch selbst?

Tom: Meine Vorstellung ist, dass man Tokio Hotel als Band wahrnimmt, die sich was trauen darf. Tokio Hotel sollen das sein dürfen, was wir heute sind – und nicht das, was wir mal waren.

ZEIT: Ist so etwas beim Publikum durchzusetzen?

Tom: Nun ja ... Ein gutes Beispiel ist für mich das Streaming. Viele Leute hören heute Playlists und finden dort einzelne Songs toll, ohne zu wissen, von wem sie stammen. Wenn man fragt, wer das ist, müssen sie erst mal im Handy nachschauen. Und da kann ich mir vorstellen, dass viele Leute dann sehen: "Oh, das ist Tokio Hotel? Dann finde ich es doch nicht so gut!" Aber dafür ist es dann schon zu spät. Diese Art des Musikhörens ist für uns eine Chance, ein unvoreingenommenes Publikum zu erreichen.