Vor einiger Zeit fand ich mich eines Nachmittags im Tokioter Stadtteil Shinjuku vor einer Virtual-Reality-Arena wieder. Es war mein Geburtstag. Erste automatische Spam-Mails hatten mir bereits gratuliert. Den Morgen über hatte ich, während es in Europa noch gar nicht heute war, Bilanz über mein bisheriges Leben gezogen, und nun nahm, nach all der aufwühlenden Selbstkritik, allmählich eine labormaushaft protestlose Stimmung von mir Besitz. Der Zufall hatte mich vor dieses schrillbunte Gebäude gebracht, und ich fand, dass ich meinem Bewusstsein jetzt durchaus etwas vollkommen Neues antun durfte. Immerhin wurde es heute sechsunddreißig, das ist bekanntlich die Lebenswende, ab jetzt neigt sich die Sonne in den Nachmittag. Und es gab so viel, was mein Bewusstsein noch nie erlebt hatte: weder DMT noch Psilocybin, weder sexuelle Ekstase noch Alien-Entführungen, es war noch nie auf dem Mond gewesen, ja nicht einmal in Australien oder in der Antarktis. Es ist kinderlos und unbegleitet auf der Erde unterwegs. Es kennt bislang nur sich selbst.

Nach dem Betreten der riesenhaften Anlage lief ich einige Minuten durch alle Stockwerke und studierte das Angebot. Escape-Room mit sich langsam aufblähendem Ballon. Horror-Hospital mit Kreissägen. Multiplayer-Weltkrieg. Nach langem Zaudern wagte ich mich in eine der harmloseren Zonen. Die hier gebotene Simulation befasste sich mit einer dramatischen Rettung. Im hundertsten Stock eines Hochhauses war eine Wand herausgebrochen. Ein schmaler Holzsteg führte von dort hinaus ins Schwindelerregende. Und am Ende dieses Stegs, meine Güte, saß und miaute ein kleines Kätzchen, das vermutlich durch eigene Unvorsicht dort hingeraten war. Es musste gerettet werden – von mir. All diese Dinge erfuhr ich schon im Vorfeld von den Betreuern, einem jungen Mann und einer älteren, sehr vergnügt aussehenden Frau. Wie beim Briefing eines Geheimagenten legten sie mir auf Englisch beschriftete Erläuterungskärtchen vor, deuteten auf ihnen herum und beschrieben mir die Mission. Ich saß vor ihnen und nickte, wenn ich begriffen hatte. Man zog mich in die Mitte des Raumes und schnallte mir die VR-Brille und die Handschuhe um. Auch spezielle Schuhe musste ich tragen, in denen ich nur gespreizte blesshuhnartige Schritte machen konnte. Alles um mich war grellweiß, und ich hörte die körperlose Stimme des jungen Betreuers neben mir. Ready? Ja, bereit. Da stand ich auf einmal in einem Raum, es war ein Aufzug, und ich sah meine Arme vor mir und, wenn ich an mir herunterblickte, auch so etwas wie meinen Körper. Ich war ein wenig durchsichtig, was mir ein unerwartetes Glücksgefühl vermittelte.

Der Aufzug fuhr in rasender Geschwindigkeit in die Höhe, und mir wurde schwindelig. Es ist ja nicht echt, sagte ich mir. Aber dummerweise war es genau das: echt. Herrgott. Ich konnte es ja sehen. Da, nun ging auch die Tür auf, und nach Maschinenöl riechender Stadtwind wehte mir entgegen. Außerdem veränderte sich der räumliche Klang der Welt, als ich aus dem Fahrstuhl direkt auf den wackeligen Holzsteg trat. Ringsum klaffte die Hunderte Meter unter mir brodelnde Großstadt mit ihren Kreuzungen und Hochhausfassaden, ihren Stromleitungen und Wassertürmen, über mir Wolken, unter mir knarrendes, wettergeschwächtes Holz, alles in hellen, abstrakten Sonnenschein getaucht. Die kleine Katze blickte mich an. Sie maunzte. Ich wollte auf sie zugehen, aber fror schon nach dem ersten Schritt ein und konnte mich nicht mehr bewegen. Ich kauerte auf dem Boden und lachte. Die mephistophelische Stimme erschien wieder neben mir und fragte mich, ob es too much sei. Ich sagte, nein, nein, alles in Ordnung. Jesus Christus, dieser Abgrund! Ich werde sterben. Okay, nur einen Schritt in Richtung Katze. Das kannst du. Du wirst nicht wirklich runterfallen. Aber mein Unterkörper blieb ein gelähmter Block. Die Katze schrie lauter. Ich versuchte einige gekrümmte und fast im Hocken ausgeführte Kriechschritte, das ging – und ah, da wehte mir wieder Wind entgegen, und ringsum der saugende Abgrund, und die Katze war noch immer zwei oder drei unendliche Meter weit entfernt.

Kein Film oder Buch hätte mir eine ähnlich elementare Erfahrung verschaffen können

Wie war das dumme Vieh da überhaupt hingekommen?, fragte ich mich. Dies war das erste Bemerkenswerte, was ich an mir selbst feststellte: dass ich nun ernsthaft, mit der vollen Wucht der Entrüstung, darüber nachzudenken begann, warum das armselige Tier da draußen auf dem Brett hockte. Schließlich schaffte ich es, mehr robbend als gehend, bis zu der Katze und streckte meine Hand nach ihr aus. Unter mir splitterte das Holz ab, und ich schrie und fiel beinahe in die Tiefe. Ich erwartete, dass meine Hand durch die animierte Katze gleiten würde, aber dann berührten meine virtuellen – nein, meine realen – nein, beiderlei Hände etwas Hartes, nein, etwas Weiches, Fell, ein echtes Objekt mit Fell, ich konnte es aufheben! So etwas hatte ich noch nie im Leben empfunden. Ein Gegenstand, der in beiden Dimensionen existierte. Es zerriss mir fast die Persönlichkeit.

Überwältigt von der hyperrealen Katze in meinen Händen stand ich da. Ich musste nun auf dem schmalen Brett umdrehen und zurück ins Hochhaus. Umdrehen. Ja. Aber wie sollte das gehen? Wieder fror ich ein und lachte brüllend, um meine Angst zu überspielen. Wie sollte ich diese vier oder fünf Meter überwinden? Es war unmöglich. Sollte ich die interdimensionale Notbremse ziehen und "Too much!" rufen? Oder einfach ein wenig unterhalb der VR-Brille auf den Boden der Arena linsen? Ich versuchte es, aber es ging nicht, das Ding saß zu fest.

Ich begriff, dass ich etwas in mir aktivieren musste, das bislang noch nie da gewesen war und das sich, wie ich mit Verwunderung feststellte, wie echter Todesmut anfühlte, sogar ein wenig wie echtes Sterbenwollen. Ja, ich musste innerlich "fallen wollen", um das Spiel selbstbewusst spielen zu können. Denn die gewöhnliche Dissoziation, "es kann ja nix passieren", auf deren inneren Leitstrahl ich eigentlich vertraut hatte, kam einfach nicht. Ich konnte mir selbst nicht auf jeder Ebene überzeugend klarmachen, dass das hier bloß eine Simulation war. Etwas sehr Mächtiges in mir wehrte sich gegen diese Einsicht. Also musste ich wohl, wenn ich hier nicht wieder albern einfrieren wollte (die Menschen in der anderen Dimension "sahen mich doch"!), den entgegengesetzten Weg gehen und "meinen Sinnen trauen". Und wenn diese mir die Wahrheit vermittelten, dann war der vor mir liegende Weg nur zu meistern, wenn mir alles egal wurde, wenn ich, zumindest für die Dauer dieses Spiels, kein Problem damit hatte, in den Abgrund zu fallen. Diesen kleinen Schalter in mir umzulegen erwies sich als überraschend leicht. Es geschah fast ohne Widerstand. Aber er war, auch das erfuhr ich bei dieser Gelegenheit, bislang nie umgelegt worden. Mit der dimensionsübergreifenden Stoffkatze in der Hand machte ich also die notwendigen Schritte zurück, innerlich vorübergehend lebenssatt und erstorben. Da löste sich die Welt mit einem Mal in grellweiße Farbe auf, als wäre ich von einem sonnendurchschienenen Leintuch umwickelt, und man empfing mich, berührte mich, nahm mir die VR-Brille ab, gratulierte mir lachend. Ich war zurück, in Kontakt mit der Menschheit, ich sah Gesichter vor mir, die so ziemlich das Schönste waren, was ich mir denken konnte. Ich wäre den guten Leuten am liebsten um den Hals gefallen, aber sagte nur: "Thank you, great fun", und ging knieweich und aufgewühlt davon.