Es war an einem Tag im Juni, als die Mutter von Samuel Musabyimana ermordet wurde. Darüber zu sprechen bereite ihm bis heute Mühe, sagt er. Seine Stimme klingt gepresst, er schaut lange aus dem Fenster einer Bar in Zürich, bevor er fortfährt. Ein Nachbar habe sie mit einer Machete geköpft, "comme un animal", wie ein Tier. Samuel Musabyimana hat seine ganze Großfamilie im Völkermord von Ruanda verloren, nur ein Bruder ist ihm geblieben. Unter den Dutzenden ermordeten Verwandten war auch eine Schwägerin, die ein Kind erwartete und in der Schweizer Botschaft in Kigali arbeitete: "Die Schweizer sind ins Flugzeug gestiegen und haben sie zurückgelassen."

Im April 1994 kehrte die ganze Welt Ruanda den Rücken: Die UN-Blauhelmtruppen wurden abgezogen, die internationalen Helfer reisten ab, man überließ die Ruanderinnen und Ruander ihrem Schicksal. Innerhalb von hundert Tagen wurden rund eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu ermordet. Weite Teile der Bevölkerung beteiligten sich daran, man feierte das Morden wie ein Volksfest, mit Popmusik und Bananenbier. Es war eines der größten Gewaltverbrechen seit dem Holocaust.

Der Blutrausch kam nicht aus heiterem Himmel, sondern wurde über längere Zeit minutiös geplant. Und bis heute stellt sich die Frage, was für eine Rolle die Schweiz im Vorfeld des Genozids gespielt hat.

Die Schweizer Entwicklungshilfe träumte von einer Bergbauerndemokratie in Afrika

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Schweiz der internationalen Isolation entkommen und in der Weltpolitik mitmischen. "Dafür hat sich die Entwicklungshilfe geradezu angeboten", sagt der Historiker Lukas Zürcher, der die Verbindungen zwischen dem ostafrikanischen Land und der Schweiz in seiner Dissertation Die Schweiz in Ruanda untersucht hat. 1963 erklärte die heutige Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) das "Land der tausend Hügel" zum Schwerpunktland. Die Schweiz entschied sich für Ruanda, weil sie sich selbst darin zu erkennen glaubte: ein exotisches Emmental, wo es tagsüber selten über 30 Grad heiß wurde und nachts angenehm abkühlte, sodass "Akklimatisationsschwierigkeiten kaum aufkommen" würden, wie ein Schweizer Beamter schrieb. Der Historiker Zürcher nennt das Engagement einen "Akt der Selbstbestätigung". Ruanda sollte eine Art Schaufenster sein, mit dem man der Welt zeigen konnte, worin man gut war. Ruanda ist winzig, nur halb so groß wie die Schweiz, und liegt wie ein Bauchnabel inmitten des Kontinents: "Eine afrikanische Bergbauerndemokratie nach Schweizer Muster", dachten die Beamten in Bern. Sie hatten sich schwer geirrt. "Die bedrohliche Ethnisierung von Politik und Gesellschaft blendete man von Anfang an aus", sagt Zürcher.

Die Schweiz betrieb in Ruanda zunächst eine Schule und eine Genossenschaft, später auch Infrastruktur- und Aufforstungsprogramme. Für das Landwirtschaftsprojekt, bei dem es laut dem damaligen Schweizer Präsidentenberater darum ging, "den Bauern gewisse Wahrheiten einzutrichtern und begreiflich zu machen", hatte man sich den schönsten Flecken des kleinen Landes ausgesucht: die Gegend um Kibuye, eine malerische Kleinstadt an den Ufern des Kivu-Sees, wo grüne Hügel ins lauwarme Wasser gleiten.

Samuel Musabyimana ist am Kivu-See aufgewachsen, in einer einfachen, aber gut situierten Bauernfamilie. Er war häufig mit Schweizern in Kontakt, erinnert sich an ihre Gesichter, wenn auch nicht an ihre Namen. "Sie haben Bäume gepflanzt und den Bauern gezeigt, wie man Gemüse anbaut. Sie machten sinnvolle Arbeiten, doch sie unterstützten eben auch finanziell und ideologisch ein Regime, das uns Tutsi unterdrückte", sagt Musabyimana.

Am 7. April 1994 wurde das Flugzeug von Präsident Juvénal Habyarimana abgeschossen. Tags darauf zündeten militante Hutu alle Häuser in Samuel Musabyimanas Dorf an, in denen Tutsi wohnten. Männer, Frauen und Kinder flüchteten auf die Hügel nahe der Ortschaft Bisesero, schlossen sich mit Tausenden anderen zusammen und verteidigten sich meist mit bloßen Händen. "Wir warfen Steine oder Lanzen, die Hutu schossen mit Gewehren und Granaten." Tag und Nacht waren sie draußen, im strömenden Regen, die Kinder weinten vor Kälte, wurden krank, starben. Einen Monat lang leisteten die Tutsi Widerstand, am Ende waren die allermeisten tot. Heute erinnert auf dem Hügel von Bisesero ein Denkmal aus Steinen und Speeren an die 40.000 Ermordeten.