Das Landgericht Wiesbaden verurteilte Stephan E. am 12. Juni 1995 zu einer sechsjährigen Haftstrafe nach Jugendstrafrecht. Er musste sie nicht voll absitzen. Noch während E. in der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden einsaß, veröffentlichte die rechtsextreme Zeitschrift Nation und Europa 1997 den Leserbrief eines Stephan E. aus Hohenstein. Er habe lange nach einer solchen Zeitschrift gesucht, schrieb dieser. Nun sei er fündig geworden. Die Gründer der Zeitschrift waren der ehemalige SA-Obersturmführer Herbert Böhme sowie der ehemalige SS-Sturmbannführer Arthur Ehrhardt, der Ende 1944 als Experte für den bewaffneten Untergrundkampf an einem Konzept des Partisanenkriegs gegen die Rote Armee gearbeitet haben will.

Wie es aussieht, führte Stephan E.s Zeit im Gefängnis also nicht gerade dazu, dass er seine Gesinnung änderte. Nach der vorzeitigen Entlassung zog es ihn in den Kasseler Raum. Dort blieb er aktives Mitglied der rechtsextremen Szene.

Angriff auf Gewerkschaftler

Im Jahr 2004 besuchte Stephan E. eine Demonstration des Volkstreuen Komitees für gute Ratschläge im hessischen Gladenbach, einer Organisation, die in dieser Zeit vom hessischen Verfassungsschutz als Neonazi-Vereinigung bezeichnet wurde. Rund 100 Demonstranten versuchten damals, sich einem Gedenkstein für eine Synagoge zu nähern und wurden von der Polizei gestoppt. Am 1. Mai 2009 trat Stephan E. erneut in Erscheinung. Diesmal in Dortmund. Etwa 400 Neonazis marschierten vom Hauptbahnhof zur Maikundgebung des DGB und griffen die Teilnehmer mit Steinen, Holzstangen und Fäusten an. Auch Polizisten wurden verletzt.

Mehr als ein Dutzend Rechtsextremisten wurden später verurteilt, unter ihnen auch der damals 36-jährige Stephan E. Nach Auskunft des Amtsgerichts Dortmund wurde er am 10. April 2010 wegen Landfriedensbruch in einem besonders schweren Fall zu sieben Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Auf Bewährung.

In Ermittlerkreisen heißt es, Stephan E. habe offenbar auch Verbindungen zur Dortmunder Einheit der Naziorganisation Combat 18 gehabt. Die Zahl 18 setzt sich aus dem ersten und achten Buchstaben des Alphabets zusammen und steht für "Adolf Hitler". Combat 18 sieht sich als bewaffneter Arm der in Deutschland verbotenen Gruppe Blood & Honour. Einer der Drahtzieher dieser Kampfgruppe ist Robin Schmiemann, der mit Beate Zschäpe während ihrer Haft in regelmäßigem Briefkontakt stand.

Es ist nicht die einzige Querverbindung des Mannes, der Walter Lübcke ermordet haben soll, zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Als die Linksfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags nach dem möglichen Umfeld der Terroristen in Kassel suchte, stieß sie in geheimen Akten des Landesamtes für Verfassungsschutz auch auf den Namen Stephan E. Der Rechtsextremist sei dort als "besonders gefährlich" eingestuft gewesen, erinnert sich der Abgeordnete der Linken Hermann Schaus.

Im Juli 2015 stellte die Linksfraktion im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss daraufhin einen Beweisantrag und fragte darin nach "Erkenntnissen zu gewaltbereiten Rechtsextremisten wie Stephan E." in Hessen. Unter anderen wurde der ehemalige V-Mann des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz Benjamin G. (Deckname "Gemüse") als Zeuge befragt. Von Schaus auf Stephan E. angesprochen, sagte er damals: "Also, ich kannte einen Stephan, ja. Aber den haben wir NPD-Stephan genannt." Die NPD allerdings lässt verlauten, E. sei vorübergehend bis 2004 "passives Mitglied" gewesen, dann aber rausgeflogen, weil er die Beiträge nicht gezahlt habe.

Überweisung an die AfD

Später liebäugelte E. wohl mit der AfD. Im Jahr 2016 wurden von seinem Konto bei der Spardabank Hessen 150 Euro abgebucht, die bei der AfD eingingen und von der Partei unter den Personalien "Stephan E." mit dessen Wohnanschrift in Kassel verbucht wurden – als Verwendungszweck trug er ein: "Wahlkampf 2016 Gott segne euch".

Der Pressesprecher des Thüringer AfD-Landesverbands, Torben Braga, sagte zunächst auf Anfrage, es sei "aus rechtlichen Gründen" nicht möglich, zu bestätigen oder zu dementieren, ob es tatsächlich eine Spende von Stephan E. an die AfD Thüringen gegeben habe. Später schloss er zumindest aus, dass es eine Spende an den Thüringer Landesverband gegeben habe; wo das Geld landete, ist unklar. Zugleich distanzierte sich Braga von Stephan E. Die Partei stehe "in keinerlei Beziehung" zu dem Tatverdächtigen.