Als Erstes ließ er mich abblitzen. "Ich bin nicht interessiert an einem Zeitungsartikel", sagte Willy Garaventa zu mir. Es war im Februar 2018, ich wusste, dass er in Immensee im Kanton Schwyz zu Hause ist, und hatte seine Telefonnummer im Internet gefunden. Aber das Gespräch dauerte lediglich ein paar Minuten. Ich nahm es zähneknirschend zur Kenntnis. Ein paar Wochen vorher, Ende 2017, war auf dem Stoos die neue, weltweit steilste Standseilbahn eingeweiht worden. Entwickelt und gebaut im Garaventa-Werk im nahen Goldau, überwindet sie 110 Prozent Steigung. Die Stoos-Bahn weckte mein Interesse, ich begann zu recherchieren und fand heraus, dass es noch einen echten Garaventa gibt. Willy Garaventa, Jahrgang 1934, hatte die gleichnamige Firma von seinem Vater Karl senior übernommen. Zusammen mit seinem etwas älteren Bruder Karl junior baute er das Unternehmen aus und führte es zu internationalem Erfolg.

Garaventa-Seilbahnen fahren heute in Vietnam, in den USA, in Deutschland und natürlich in der Schweiz. Und seit die Firma mit dem österreichischen Konkurrenten Doppelmayr fusioniert hat, dominieren die beiden Marken den Weltmarkt im Seilbahnbau.

Aus der Idee, über Willy Garaventa einen Zeitungsartikel zu schreiben, wurde vorläufig nichts. Ungefähr einen Monat nach meinem missglückten Annäherungsversuch rief mich allerdings eine seiner beiden Töchter an. Sie erklärte mir, ihr Vater habe von meinem Anruf erzählt, worauf sie meinen Namen gegoogelt habe. "Möchten Sie nicht mal auf einen Kaffee vorbeikommen?", fragte sie mich. "Mein Vater möchte schon lange seine Lebensgeschichte aufschreiben." Da ich schon eine Biografie über eine Hebamme verfasst hatte, konnte ich mir ein weiteres Buch grundsätzlich vorstellen. Aber Seilbahnen- und Hebammengeschichten? Etwas Gegensätzlicheres kann man sich kaum vorstellen. Und der ältere Herr hatte mir doch eigentlich gesagt, er habe kein Interesse, etwas preiszugeben.

Ein paar Tage später saß ich Willy Garaventa das erste Mal gegenüber. Er wirkte anfangs nicht sonderlich begeistert über meinen Besuch und testete mich mit seinen Fragen. Mir war nach wenigen Minuten klar: Dieser Mann hatte ein unheimlich spannendes Leben – und er weiß, dass er etwas zu erzählen hat. Seine Familie wollte offensichtlich, dass er diesen Schatz mit mir teilte. Seine Frau Beatrice Garaventa hielt ihren Mann und mich mit Kaffee und Guetzli bei Laune, und auch seine Tochter beteiligte sich lebhaft an diesem Vorstellungsgespräch.

Als ich das Haus in Immensee nach drei Stunden verließ, hatte ich bereits einige hübsche Anekdoten aus dem Leben des Seilbahnbauers erfahren. Ich wusste, dass er monatelang auf Baustellen im Ausland gearbeitet und seine Familie während dieser Zeit nur sporadisch gesehen hatte. Willy Garaventa und sein Bruder Karl waren keine Patrons gewesen, die in ihren Chefsesseln auf der Teppichetage saßen und die Mannschaft aus der Ferne herumkommandierten. Beide waren weit gereiste Handwerker, die sich offenbar exzellent ergänzten und Freude daran hatten anzupacken.

In Grönland hauste Garaventa auf einem ausgemusterten Eisbrecher

Einen großen Schulrucksack besaßen sie nicht. Willy Garaventa absolvierte eine Lehre als Bau- und Apparateschlosser und stieg danach in die väterliche Firma ein. Dafür besaßen die beiden Tüftler, die sich die Arbeit immer aufteilten – Karl war für die Bauten, Willy für die Mechanik zuständig –, viel Alltagsintelligenz und Menschenkenntnis, um sich mit den richtigen Leuten zu umgeben. Sie entwickelten ihr eigenes Seilbahn-Know-how, kauften sich die fehlenden Bestandteile bei anderen Firmen ein, um so Schritt für Schritt ihren Kleinbetrieb zur Weltmarke zu formen.

Willy Garaventas Frau Beatrice kümmerte sich daheim um den Haushalt und erzog die Töchter Daniela und Alexandra. Sie erzählte mir bei unserem ersten Treffen, wie sie ihren Mann hin und wieder vor Ort besuchte. Mal nahm sie die Töchter mit, sodass die Familie die Sommerferien in Kanada oder in den USA verbrachte. Mal flog sie für ein paar Tage allein ins Ausland. Auch in Grönland besuchte sie ihren Mann. Dort baute Willy Garaventa mit seinem Team aus Goldau eine Seilbahn über einen Fjord, um eine Rohstoffmine zu erschließen. Die Mannschaft hauste damals unter einfachen Verhältnissen auf einem ausgemusterten Eisbrecher, der im Fjord verankert war. Garaventa war die Captain’s Cabin zugeteilt worden.