Wolfgang Schäuble sitzt seit 46 Jahren im Bundestag, er hat fünf Bundeskanzler erlebt, dazu ungezählte Minister. Schäuble war einer der Architekten der Wiedervereinigung und entscheidender Protagonist der Euro-Krise. Er ist, das darf man so sagen, einer der klügsten Politstrategen des Landes, der aus den verfahrensten Situationen fast immer einen Ausweg fand. Doch ausgerechnet einer der Größten der deutschen Politik droht nun zu scheitern – an der Verkleinerung des Bundestags.

Das Parlament wächst und wächst mit jeder Legislaturperiode, und das inzwischen in einem Maße, dass man sich in Berlin schon die Frage stellt, ob überhaupt genügend tiefblaue Sitze in die Schienen des Reichstagsbodens eingeschraubt werden können. Eigentlich sollten im Bundestag 598 Abgeordnete sitzen. In dieser Legislaturperiode sind es 709. Und nach möglichen Neuwahlen könnten es sogar mehr als 800 Abgeordnete sein.

Der Grund für dieses Aufblähen ist das unfassbar komplizierte Wahlrecht. In aller Kürze, bitte notfalls mehrfach lesen: Eigentlich setzt sich der Bundestag je zur Hälfte aus direkt gewählten Abgeordneten und solchen zusammen, die über die Landesliste ihrer Partei ins Parlament gelangen. Ein Direktmandat gewinnt, wer im Wahlkreis die meisten Erststimmen hat. Wie groß der Anteil einer Partei im gesamten Parlament ist, bestimmt der Wähler mit der Zweitstimme. Entsprechend viele zusätzliche Abgeordnete von den Listen kommen dann ins Parlament.

Über Jahrzehnte hat das in Deutschland wunderbar funktioniert – solange sich zwei große Volksparteien gegenüberstanden und diese die meisten Wahlkreise für sich entschieden. Doch nun stört der Wähler das System: Union und SPD gewinnen zwar weiterhin die meisten Direktmandate, verlieren jedoch bei der Zweitstimme an die anderen Parteien. Die Folge sind Überhangmandate, die dadurch entstehen, dass Union und SPD mehr Wahlkreise gewinnen, als ihnen eigentlich per Zweitstimme noch zustehen. Die anderen Parteien erhalten deshalb entsprechende Ausgleichsmandate, damit der Parteienproporz wieder stimmt. So wurden 2017 aus 598 Abgeordneten schlussendlich 709 – und damit 111 mehr als vorgesehen.

Manche Abgeordnete beklagen schon jetzt, die Sitzungen dauerten zu lange, Kompromisse würden schwieriger. Der Wirtschaftsausschuss ist mit 49 Mitgliedern fast so groß wie der saarländische Landtag. Mancher Fraktionsmitarbeiter musste bereits den Saal verlassen: Brandschutzauflage. Außerhalb des Regierungsviertels müssen weitere Büros angemietet werden. Die Kosten für den Bundestag nähern sich in diesem Jahr der Milliardengrenze.

709 Abgeordnete sitzen bereits jetzt im Bundestag. In der nächsten Legislaturperiode könnte sich ihre Zahl auf über 800 erhöhen.

Man kann das Problem für eine Fußnote der Demokratie halten, tatsächlich aber befördert der Bläh-Bundestag genau jene Vorbehalte gegenüber der Politik, die von Populisten immer wieder vorgebracht werden: In Berlin denke man nur an sich, sei unfähig zur Reform, vertage Probleme am liebsten, anstatt sie zu lösen.

Warum also ist es so schwer, das Parlament zu verkleinern?

Schon zu Beginn der Legislaturperiode hatte der neue Bundestagspräsident Schäuble eine Kommission mit Vertretern aller Fraktionen einberufen und erklärt, er werde "ein Scheitern nicht zulassen". Ein Jahr lang traf man sich immer wieder, hörte Mathematiker, Verfassungsrechtler und Politikwissenschaftler an. Am Ende ging die Gruppe ohne Lösung auseinander.

Ein Mitglied der gescheiterten Kommission ist der CSU-Abgeordnete Michael Frieser. Er verteilte an seine Fraktionskollegen ein Papier, das einer seiner Mitarbeiter gestaltet hatte. Darauf zu sehen sind mehrere Kästen, Pfeile und Rechenformeln. Er sei fast wahnsinnig geworden, weil er das System nicht verstanden habe, sagt Frieser. Auf dem Papier wird kleinschrittig erklärt, wie das Wahlsystem funktioniert. Der Ausgleich zwischen den Bundesländern folgt in mehreren Rechenschritten. Nicht mal die meisten Politiker durchdringen, wie sie gewählt werden.