DIE ZEIT: Frau Roth, in diesen Tagen geht die Weltmeisterschaft der Frauen in Frankreich in die entscheidende Phase. Als diese 2011 in Deutschland ausgetragen wurde, äußerten Sie sich euphorisch, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sei auf dem richtigen Weg, vieles verändere sich für die Frauen zum Besseren. War Ihr Blick aus heutiger Sicht ein naiver?

Claudia Roth: Nennen wir es Zweckoptimismus. Es hat mich damals begeistert, so viele Frauen in den Stadien zu sehen, die stolzen Papas mit ihren Töchtern auf den Schultern. Ich hatte die Hoffnung, der Fußball könnte nun endlich auch uns Frauen gehören. Aber das war leider ein Irrtum. Vieles ging nach der WM ratzfatz zurück zur vermeintlichen Normalität.

ZEIT: Was hatten Sie sich denn erhofft?

Roth: Mehr Wertschätzung. Wenn ich den kicker aufschlage, und das mache ich liebend gern, sehe ich in der Regel 84 Seiten voller Männerfußball. Allenfalls mal Formel 1 kommt noch vor. Auch das Fernsehen überträgt kaum Spiele der Frauen.

ZEIT: Die Öffentlich-Rechtlichen strahlen die aktuellen WM-Begegnungen mit deutscher Beteiligung aus. Der kicker berichtet auch über das Turnier.

Roth: Das ist klasse. Aber versuchen Sie mal, außerhalb eines Großereignisses Turbine Potsdam gegen SC Sand zu sehen – und sei es nur als Zusammenfassung in der Sportschau. Auch bei vielen Vereinen, erst recht beim DFB, kommen die Frauen und Mädchen zwischen den Turnieren an letzter Stelle. Anzeichen einer Veränderung sehe ich keine. In der Männer-Bundesliga haben wir eine einzige Schiedsrichterin.

ZEIT: Das ist ein Anfang, Bibiana Steinhaus könnte als Vorbild für weitere Frauen dienen.

Roth: Unbedingt! Dann sollten wir aber auch aufhören, ganz überrascht zu sein, dass eine Frau dazu überhaupt in der Lage sei. Warum denn nicht? Was ist daran so verblüffend?

ZEIT: Noch mal: Was konkret muss sich Ihrer Meinung nach außer der Berichterstattung verändern?

Roth: Die Kultur im deutschen Fußball. Das Bewusstsein muss sich wandeln. Das schaffen wir aber nur, wenn Vereine und Verbände mehr Geld in den Frauenfußball investieren und sich konkret vornehmen, bis wann sie welche Ziele erreicht haben wollen. Dazu braucht es die richtigen Leute. Seit dem Rücktritt Reinhard Grindels als DFB-Präsident Anfang April sucht der Verband einen Nachfolger ...

ZEIT: ... mit Unterstützung einer Unternehmensberatung.

Roth: Aus eigener Erfahrung empfehle ich den Herren eine gemischte Doppelspitze, mit einer Co-Präsidentin. Der Verband muss sich breiter aufstellen, die Strukturen verändern.

ZEIT: Eine Strukturreform wurde angekündigt.

Roth: Das habe ich vernommen. Allerdings auch schon 2016. Ich bleibe gespannt.

ZEIT: Beim FC Barcelona sitzt Maria Teixidor im Aufsichtsrat. Sie kümmert sich um Frauenfußball und Compliance.

Roth: Frauen wie Maria Teixidor sind wichtige Vorbilder. Der nächste Schritt wäre dann, die Frauen nicht nur in der Frauenabteilung einzusetzen.