Friedrich August von Hayek hätte das Facebook-Geld gefallen. Der österreichische Ökonom, der 1992 starb, träumte davon, dass eines Tages viele Währungen miteinander im Wettbewerb stünden. Ausgeben sollten sie nicht nur Staaten, sondern auch Private. Eine solche Konkurrenz zwischen Währungen war für Hayek das einzige Mittel, um endlich stabiles Geld zu bekommen. Denn allzu oft missbrauchten die Herrscher – Könige und Kaiser, später Regierungen und Notenbanken – ihr Geldmonopol aus eigennützigen Gründen. Immer wieder druckten sie so viel Geld, dass die Preise stark stiegen: Es entstand Inflation, unter der die Bevölkerung litt, weil ihr Erspartes den Wert verlor. Hayek träumte deshalb von einer "Entnationalisierung des Geldes", so der Titel seines berühmten Aufsatzes dazu. Viele verschiedene Währungen, die um die Gunst der Bürger wetteiferten, das war für ihn der Weg, um gutes Geld quasi automatisch herbeizuführen.

Warum nicht Libra? Das ist der Name der elektronischen Währung, die jüngst ein Konsortium vorgestellt hat, zu dem unter anderem Facebook, Mastercard, Visa und PayPal gehören. Bislang gibt es nur ein Konzept, ein sogenanntes White Paper, das schon erstaunlich detailliert ist. Jetzt will man mit den Behörden und Notenbanken sprechen, die teils interessiert, teils heftig ablehnend reagierten. Der Präsident der britischen Notenbank Mark Carney sprach davon, der Libra mit offenem Geist zu begegnen, aber nicht mit offenen Türen. Sylvie Goulard, die stellvertretende Gouverneurin der französischen Notenbank, warnte: "Der Euro als einziges legales Zahlungsmittel des Euro-Raums darf auf keinen Fall in Gefahr geraten." Im Juli will sich die Gruppe der sieben führenden Industriestaaten (G7) mit dem Thema befassen.

Die Nervosität ist angebracht, ist der Plan von Facebook doch je nach Perspektive entweder ein mutiger Schritt oder eine Anmaßung, die ihresgleichen sucht. Seit Jahrhunderten ist es der Staat, der das Geldmonopol besitzt. Nur er darf Geld drucken oder festlegen, wer wie Geld schaffen darf. Nun wollen große Internet- und Bezahlkonzerne gemeinsam mit Risikoinvestoren, Blockchain-Experten und ein paar versprengten NGOs dem Staat dieses Monopol entreißen.

28 Libra-Gründungsmitglieder gibt es bislang, darunter Visa, eBay, Facebook, Vodafone und Uber

Wenn es eine Weltbeherrscherfantasie gibt, die die Machthungrigen dieser Welt von Königen bis hin zu Filmbösewichten seit Jahrhunderten umtreibt und fasziniert, dann ist es die, eigenes Geld herauszugeben. Wenn es einen Weg gibt, schnell und ausdauernd reich zu werden, dann ist es auch ebendies.

Die Libra ist nicht der erste Versuch. Seit einiger Zeit gibt es schon rein elektronische Währungen wie Bitcoin, die nichtstaatlich sind. Doch sind sie zu klein und werden zu selten zum Bezahlen genutzt, um eine echte Konkurrenz für Euro und Dollar darzustellen. Trotzdem haben einige Länder sie schon verboten. Facebook und Co. starten mit der Libra einen weitaus ehrgeizigeren Versuch. Sie wollen eine private, globale, elektronische Währung schaffen, mit der sich zum Beispiel die rund 2,7 Milliarden Nutzer von Facebook oder den dazugehörenden Instagram und WhatsApp gegenseitig mit einem Klick Geld überweisen könnten. Sie sollen mit ihr aber auch in Läden bezahlen können. Gründungspartner sind zum Beispiel Lyft und Uber, die Fahrdienste vermitteln, sowie das Internet-Auktionshaus eBay.

Es geht nicht nur um noch mehr Daten. Die Macher der Libra wollen mehr

Für das Bezahlen und Hin- und Herüberweisen im Netz braucht man eigentlich keine eigene Währung. Es reicht eine App, die beispielsweise auf Basis von Euro oder Dollar funktioniert. Doch die Strategen hinter dem neuen Geld wollen offenbar mehr. Es geht ihnen nicht nur um die Bezahldaten der Kunden. Es geht auch nicht nur darum, normalen Banken das Geschäft streitig zu machen. Facebook stellt die Machtfrage im Hayekschen Sinne an den Staat – wer hat die Hoheit über das Geld? – und erwartet die Antwort der Notenbanken dieser Welt.

Damit diese Antwort kommt, damit auch die Bürger sich dafür interessieren, muss die Libra allerdings erst einmal funktionieren: Werden die Menschen Geld in Libra tauschen? Werden sie es besitzen und damit bezahlen wollen? Oder ist ihnen die Sache zu umständlich oder zu unsicher? Kurz: Ist das Vertrauen da, die Basis jeder Währung? Euro und Dollar funktionieren schließlich auch nur deshalb, weil die Menschen sich darauf geeinigt haben, Münzen und Papierstreifen einen Wert zuzusprechen, der weit über deren Materialwert hinausgeht.