So schlimm ist das Kirchentagsgrün gar nicht, denke ich mir, als ich auf einem Mauervorsprung in der Dortmunder Innenstadt sitze und den vielen Menschen zuschaue. Eine Gruppe Pfadfinder sitzt gut gelaunt auf dem Boden und im Hintergrund spielt ein Posaunenchor einen Gospel. Die Stimmung ist glatt zum In-die-Kirche-Eintreten.

Eine jüngere Frau ohne Schal und ohne Rucksack bleibt neben mir stehen. "Entschuldigung, was machen diese ganzen Menschen hier?" Ich versuche der georgischen Touristin bestmöglich zu erklären, was ein Kirchentag ist und warum deshalb die ganze Stadt voll ist mit Menschen, die weder einkaufen noch Fußball gucken wollen. Sie guckt verständnisvoll, aber unverständig.

Wie soll man auch erklären, warum mehr als 100.000 Menschen aus dem ganzen Land sich Urlaub nehmen, um für fünf Tage in eine mittelschöne Ruhrgebietsstadt zu fahren, wo sie in Schulen auf dem Boden schlafen und in riesigen Zelten sitzen, um an dreistündigen Workshops teilzunehmen? Bei aller Freude an Gemeinschaft und Gedankenaustausch bleibt der andauernde Erfolg des Kirchentages doch ein Stück weit Geheimnis des Glaubens.

Deutlich wird wiederum, wie ein Weg durch die vielen Kirchenkrisen aussehen kann, von denen wir seit Jahren reden und schreiben. Die Kirche muss mehr werden wie der Kirchentag, und zwar jeden Sonntag, jede Woche. Sie muss politischer werden und vielfältiger in ihren Angeboten. Sie muss sich auch in kleinen Dorfgemeinden an die Themen herantrauen, die auf dem Kirchentag ihre eigenen Zelte und Podien haben: Gender, Migration, Umwelt. Und sie muss endlich andere Formen des Gottesdienstes probieren und etablieren – flächendeckend. Denn der Kirchentag zeigt: Es gibt sie längst!

Das Treffen in Dortmund war von der funktionierenden Infrastruktur bis hin zur großartigen Predigt des Abschlussgottesdienstes über "Gottes geliebte Gurkentruppe" wirklich gelungen. Offensichtlich konnten sowohl Organisatoren als auch Besucher diesen Kirchentag richtig genießen im Gegensatz zum großen Reformationsjubiläumskirchentag vor zwei Jahren in Berlin, der mit Erwartungserwartungen so überfrachtet war, dass er am Ende nur enttäuschen konnte. Zwei Jahre später steht nicht mehr überall Luther drauf und die westfälische Gastgeberkirche hat gar nicht den Anspruch, den größten und fröhlichsten Kirchentag aller Zeiten feiern zu müssen. Befreit von Superlativen, konnte man in Dortmund tun, was man als Protestantin am liebsten tut, nämlich reden. Ganz viel reden, streiten, fragen.

Natürlich sind dabei einige Milieus deutlich häufiger vertreten als andere. Manche würden nie auf Papphockern sitzen und andere könnten mit der Sprache und den Themen nichts anfangen. Und trotzdem begegnen sich Menschen verschiedener Frömmigkeitsprägungen und unterschiedlicher politischer Gesinnung über Generationengrenzen hinweg. Auch der Kirchentag ist eine Filterblase, aber eben eine sehr große und bunte. Es gibt keine andere Zusammenkunft dieser Art, die es Menschen ermöglicht, vormittags Spitzenpolitikern zuzuhören, nachmittags mit einer Rabbinerin zu sprechen und abends bei einem Konzert in der Menge zu tanzen, um hinterher beim Taizégebet Gott zu loben. Viele Facetten des Menschseins haben hier einen Platz.

Ich selbst war in den letzten Jahren eher mit einer Anti-Haltung auf dem Kirchentag. Mal interessierten mich die Themen nicht, mal hatte ich den Eindruck, als junge Erwachsene zwischen lauter Konfis und Alt-68ern fehl am Platz zu sein. Diesmal habe ich wie noch nie zuvor erlebt, dass Kirchentag das ist, was man selbst daraus macht. "Und, hast du Steinmeier gehört?", fragten die Daheimgebliebenen. Ich wanderte währenddessen mit einem Kirchentagsneuling über den Markt der Möglichkeiten, was in der Kirche alles möglich ist. Der Verein polyamorer Christen, zwei geschenkte Kugelschreiber und einen Kaffee weiter die idea Spektrum. Der bestechende Charme des Kirchentages liegt in genau der Vielfalt.

Wer nur auf die Personen und Themen schaut, die Schlagzeilen machen, wird diese Pluralität möglicherweise nicht erkennen können. Zu links, zu grün, zu wenig christlich sei er, der Kirchentag, so die zweijährlich wiederkehrende Kritik. Sie offenbart den Wunsch nach einer kontemplativen Kirche, deren Engagement an den eigenen Kirchenmauern aufhört, und tut so, als sei Greta Thunberg und nicht die Bundeskanzlerin der Stargast gewesen.