"Stark von Ängsten geprägt" – Seite 1

DIE ZEIT: Anfang Juni gab die Beratungsfirma Ernst & Young eine Warnung für die deutsche Großindustrie aus: 2018 hätten Deutschlands wichtigste börsennotierte Konzerne unter den Industrieunternehmen der 15 größten Wirtschaftsnationen beim Umsatz- und Gewinnwachstum abgeschlagen auf dem letzten Platz gelegen. Wäre Deutschland ohne seine erfolgreichen Familienunternehmen – die Hidden Champions – also schon ein Sanierungsfall?

Friederike Welter: Ohne unseren Mittelstand würden wir jedenfalls nicht so gut dastehen. Die Familienunternehmen beschäftigen fast 60 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland. Seit der Finanzkrise haben sie deutlich mehr Arbeitsplätze geschaffen als die Dax-Konzerne. Zwischen 2007 und 2016 haben die 500 größten Familienfirmen die Zahl ihrer Mitarbeiter um 23 Prozent erhöht, während die 27 Dax-Konzerne, die nicht in Familienhand sind, auf ein Plus von nur vier Prozent kommen. Im selben Zeitraum haben die Familienunternehmen ihren Umsatz um durchschnittlich 3,7 Prozent pro Jahr steigern können. Die 27 Dax-Konzerne haben nur drei Prozent geschafft.

ZEIT: Verlässt sich die große Koalition zu sehr auf die Beständigkeit und den Erfolg der Familienunternehmen und verschleiert so die Probleme, mit denen sich die Konzerne herumschlagen?

Welter: Mein Eindruck ist ein ganz anderer. Wenn Sie sich die Nationale Industriestrategie 2030 von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier anschauen, würde ich das Gegenteil behaupten.

ZEIT: Altmaier setzt in der Nationalen Industriestrategie vor allem auf Größe und Zusammenschlüsse zu nationalen und europäischen Champions nach dem Vorbild von Airbus, um China und den USA im globalen Wettstreit etwas entgegensetzen zu können. Aber das schließt doch einen starken Mittelstand nicht aus.

Welter: Die Idee, eine nationale Industriestrategie mit klaren Zielen zu entwickeln, ist natürlich erst mal genauso zu begrüßen wie das darin formulierte Bekenntnis zu freien und offenen internationalen Märkten und zur Nichteinmischung des Staates in betriebswirtschaftliche Entscheidungen.

ZEIT: Der deutsche Mittelstand kommt in dem Strategieentwurf aber nur am Rande vor.

Welter: Mittelständlern traut Altmaier offenbar nicht genug Stärke zu, um sich für die Zukunftsfelder rüsten zu können. Diese Fähigkeit sieht er stattdessen bei den Großkonzernen und setzt auf sie. Eine ausgesprochene Stärke Deutschlands im Vergleich zu den USA oder China ist aber nun mal sein Mittelstand. Wer sagt uns denn, dass tatsächlich die erhofften Erfolge der Großindustrie in der Plattformökonomie, beim Einsatz von künstlicher Intelligenz oder der Produktion von Batteriezellen eintreffen werden? Und dass das ausreicht, um die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten?

"Hier scheinen alle so sein zu wollen wie im Silicon Valley"

ZEIT: Sie sitzen im Mittelstandsbeirat des Wirtschaftsministeriums. Hat Altmaier Sie nicht um Rat gefragt, bevor er sein Strategiepapier veröffentlicht hat?

Welter: Nein, hat er nicht.

ZEIT: Was hätten Sie ihm geraten?

Welter: Größe darf nicht zum Selbstzweck verkommen. Über 1300 deutsche Mittelständler sind Weltmarktführer oder gehören in ihrer Nische zu den Top 3 der Welt. Zwar sind die Nischen so klein und spezialisiert, dass diese Unternehmen niemals zu einem Amazon oder Alibaba werden können, aber in der Summe tragen diese Unternehmen enorm zur Stabilität unserer Volkswirtschaft bei. Wenn ich im Ausland unterwegs bin, erlebe ich, wie uns die anderen um unseren Mittelstand beneiden. Aber hier scheinen alle nur so sein zu wollen wie im Silicon Valley.

ZEIT: In der Rangliste der beliebtesten Standorte für Familienunternehmen, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, kurz ZEW, regelmäßig erstellt, ist Deutschland um vier Plätze abgerutscht, auf Platz 16 von 21 betrachteten OECD-Staaten. Die Befragten beklagen vor allem Defizite bei Steuern und Infrastruktur.

Welter: Nun, derzeit knirscht es etwas im Gebälk der Konjunktur – deswegen sind die befragten Unternehmen wohl generell etwas kritischer. In Zeiten, in denen es nur aufwärtsgeht, ist das anders. Aber der Studie zufolge ist die Steuerbelastung für Unternehmen, die im deutschen Inland ihre Geschäfte machen, im Vergleich nun mal besonders ausgeprägt.

ZEIT: Welche Folgen hat das?

Welter: Familienunternehmen sind bodenständige Unternehmen und längst nicht so mobil wie globale Konzerne – wir müssen also nicht fürchten, dass sie abwandern. Aber Aspekte wie zunehmender Fachkräftemangel und träger Breitbandausbau könnten zur Folge haben, dass sie nicht mehr so dynamisch wachsen wie bisher üblich.

ZEIT: Mit Auswirkungen für die gesamte Volkswirtschaft. Sind die fetten Jahre also vorbei?

Welter: Ich würde eher sagen, dass wir von den guten Jahren seit dem Ende der Finanzkrise vielleicht ein wenig zu verwöhnt sind. Wenn nun etwas Normalität einkehrt, rutschen wir aber noch lange nicht in eine Rezession.

"Zu wenige Einhörner made in Germany"

ZEIT: Bemerkenswert an der ZEW-Studie ist, dass Deutschland auch bei der Bewertung von Rechtssicherheit und Korruptionskontrolle nur im mittleren bis oberen Mittelfeld landet.

Welter: Das dürfte vor allem mit der Wahrnehmung der Dieselaffäre in der Autoindustrie zusammenhängen. Ich selbst würde auf keinen Fall so weit gehen und die Rechtssicherheit in Deutschland infrage stellen. Da schauen Sie lieber nach Italien oder auf den Balkan.

ZEIT: Auf dem Balkan ist aber zumindest das Internet deutlich schneller als in Deutschland. Müsste Minister Altmaier sich nicht erst mal um schnelles Internet in der Provinz kümmern, wo die meisten Mittelständler sitzen?

Welter: Der flächendeckende Ausbau einer ultraschnellen Breitbandversorgung ist nicht nur für digitale Geschäftsmodelle eine wichtige Voraussetzung. Auch in landwirtschaftlichen Unternehmen wird mittlerweile völlig selbstverständlich digitale Technologie eingesetzt – gerade "die Milchkanne" benötigt deshalb 5G. Nur dort, wo die Netzinfrastruktur in der Fläche funktioniert, der Breitbandausbau vorangetrieben wird und die Lebensqualität stimmt, können mittelständische Unternehmen auf Dauer konkurrenzfähig bleiben. Beinahe jedes dritte große Familienunternehmen nennt ein fehlendes zuverlässiges Internet als Hürde für die eigene Digitalisierung. Und immerhin 34,1 Prozent der Unternehmen, die für die Studie Größte Familienunternehmen im vergangenen Jahr befragt wurden, haben angegeben, dass die schlechte Internetverbindung am Standort ihre Leistungsfähigkeit einschränke.

ZEIT: In der eingangs erwähnten Studie sind es vor allem die Technologie-Unternehmen aus den USA und China, die die deutsche Industrie hinter sich lassen. Bis heute ist SAP neben Wirecard der einzige Tech-Konzern, der es in den Dax geschafft hat. Wie gut sind denn Deutschlands Familienunternehmen auf die Digitalisierung vorbereitet?

Welter: Eine unserer Studien hat gezeigt, dass aktuell nur etwa jedes fünfte kleine oder mittlere Unternehmen die technologischen Entwicklungen beobachtet und deren Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell abzuschätzen versucht. Ein solches Verhalten kann sich als gefährlich herausstellen. Den größeren, etablierten Unternehmen kann ich aber bestätigen, ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Und wenn ich mir die Neugründungen im Technologiebereich anschaue, bin ich recht optimistisch. Nie zuvor ist mehr Risikokapital in deutsche Start-ups geflossen. Die haben allerdings das Problem, dass es zu wenig Wachstumskapital in Deutschland gibt, sie zu früh ins Ausland verkauft werden und es deshalb zu wenige Einhörner made in Germany gibt.

ZEIT: Wie sehr belastet der Handelsstreit zwischen den USA und China den deutschen Mittelstand?

Welter: Ich habe keine Glaskugel, mit der ich zukünftige Entwicklungen voraussehen kann. Ich stelle aktuell jedoch fest, dass die derzeitige Betrachtung der Spannungen zwischen den USA und China stark von Ängsten geprägt ist – und weniger von Fakten.