Anfang 2014 betrat eine verunsicherte Frau die kleine Kanzlei der Rechtsanwältin Gaby Lübben in Delmenhorst. Kathrin Lohmann, 37 Jahre alt, erzählte Lübben vom Tod ihrer Mutter im örtlichen Klinikum; sie sei im März 2003 mit 61 Jahren gestorben, für die Tochter unerwartet und unerklärlich. Jetzt aber, elf Jahre später, wolle die Staatsanwaltschaft Oldenburg Mordanklage erheben gegen einen früheren Mitarbeiter des Klinikums: Der Krankenpfleger Niels Högel solle ihre Mutter getötet haben, indem er ihr eine Überdosis des Herzmedikaments Gilurytmal spritzte.

Ein Mordfall? Gaby Lübben zögerte. Sie hatte zumeist mit Familienrecht tun, Erbstreitigkeiten, Räumungsklagen. Kriege ich das hin?, fragte sie sich. Aber diese Frau brauchte Hilfe: "Geknickt und ausgelaugt" saß Kathrin Lohmann vor ihr, erinnert sich Lübben, zermürbt von der jahrelangen Auseinandersetzung mit einer untätigen Staatsanwaltschaft. Lübben übernahm das Mandat, sie wollte Kathrin Lohmann im Prozess als Nebenklage-Vertreterin zur Seite stehen. Viele weitere Mandanten sollten später folgen.

Die Anwältin beantragte Akteneinsicht. Was sie sah, machte sie fassungslos: In den Akten fanden sich Statistiken, die belegten, dass sich die Zahl der Sterbefälle während der Dienstzeiten Högels im Klinikum Delmenhorst verdoppelt hatte. Der Verbrauch des Medikaments Gilurytmal, das Högel mutmaßlich als Mordwaffe nutzte, hatte sich zeitweise versiebenfacht. Der Pfleger hatte vermutlich nicht eine Patientin getötet – er könnte Hunderte Menschen ermordet haben.

DIE ZEIT: Im Prozess wegen 100-fachen Mordes hat das Landgericht Oldenburg jetzt ein Urteil gesprochen. Niels Högel wurde in 85 Fällen wegen Mordes verurteilt, in 15 Fällen gab es einen Freispruch. Wie fühlt sich das an für Sie: wie gewonnen oder wie verloren?

Gaby Lübben: Wenn man berücksichtigt, dass wir schon 2014 das Gefühl hatten, da muss wesentlich mehr dahinterstecken, und wir konnten jetzt immerhin 85 Morde nachweisen, dann kann man das schon als Erfolg werten. Wir sind bestätigt worden, dass der Kampf gut und richtig war.

ZEIT: Was haben Sie Ihren Mandanten gesagt, bei denen es im Fall der Mutter, des Vaters oder Ehepartners nach 24 Prozesstagen hieß: im Zweifel für den Angeklagten, Freispruch aus Mangel an Beweisen?

Lübben: Wir haben – bis auf einen Freispruch wegen einer Verwechslung – in allen Fällen den Nachweis: Högel hatte Dienst. Wir haben den Nachweis: Da war Lidocain im Gewebe des toten Patienten. Alle Umstände sprechen nach unserer Auffassung dafür, dass eine Manipulationshandlung durchgeführt wurde. Das heißt, meine Mandanten saßen zu Recht im Gericht, sie haben zu Recht gekämpft und sich für ihre Angehörigen eingesetzt.

ZEIT: Bei einigen Freisprüchen ging es um den "Rücktritt vom Versuch", Paragraf 24 im deutschen Strafgesetzbuch. Högel hat auch diesen Patienten ein Medikament gespritzt, er hat "manipuliert", wie das vor Gericht heißt. Teilweise hat er diese Manipulation sogar zugegeben. Högel hat einen Mordversuch begangen – aber weil er die Patienten anschließend erfolgreich reanimierte, gilt das juristisch als Rücktritt vom Mordversuch. Die Patienten starben Stunden später, ob Högels Spritze "todesursächlich" war, ließ sich vor Gericht nicht zweifelsfrei feststellen. Wie erklären Sie so etwas einem trauernden Angehörigen: Wir wissen, dass der Angeklagte Ihrem Verwandten etwas angetan hat, aber wir müssen ihn freisprechen?

Lübben: Das ist kompliziert, ich habe das in einem Fall auch sehr intensiv erläutern müssen. Wichtig ist die Botschaft "Du hast nicht umsonst gekämpft". Unsere Meinung ist: Alle Umstände sprechen dafür, dass er manipuliert hat in diesen Fällen. Ihm war der Mord juristisch nicht nachzuweisen, aber wie wir das moralisch bewerten, das bleibt unsere eigene Entscheidung.